Jedes zweite Arbeitsverhältnis dauert weniger als ein Jahr. In Zeiten von Fachkräftemangel ist das gerade für Logistiker ein wahrer Alptraum. Recruiting-Prozesse werden immer aufwendiger, offene Stellen bleiben länger unbesetzt und wertvolle Ressourcen fließen in die Suche nach neuen Mitarbeitenden. Wie lassen sich Mitarbeitende langfristig halten?
Durch meine eigene Zeit als Angestellter habe ich gemerkt, dass eine hohe Fluktuation auf die Führung zurückzuführen ist. Natürlich spielen Gehalt, Arbeitszeiten oder persönliche Lebensumstände eine Rolle, aber wer mit der Geschäftsführung unzufrieden ist, ist es oft auch mit dem Unternehmen als Ganzes. Deshalb sollen Geschäftsführer nicht zum besten Freund ihrer Mitarbeitenden werden. Ein wirksamer Ansatz ist aus meiner Sicht eine nachhaltige Mitarbeiterführung.

Das Konzept der nachhaltigen Mitarbeiterführung
Bei nachhaltiger Mitarbeiterführung denken viele wahrscheinlich zuerst an Energieeffizienz, Ressourcenschonung oder CO₂-Reduktion, dabei hat der Ansatz eine ganz andere Ausrichtung. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem Zukunftsfähigkeit. Es geht darum, heute Entscheidungen zu treffen, die auch morgen und übermorgen noch Bestand haben. Dabei spielen nicht nur ökologische und wirtschaftliche Faktoren eine Rolle, sondern vor allem die Menschen, die das Unternehmen tragen. Gerade dieser soziale Aspekt wird nämlich häufig unterschätzt.
Ein Unternehmen kann die besten Prozesse entwickeln oder die neuesten Technologien einsetzen. Langfristig erfolgreich wird es nur dann sein, wenn es Mitarbeitende gezielt weiterentwickelt und dauerhaft an sich bindet. Wissen und Erfahrung lassen sich nämlich nicht einfach einkaufen. Sie entstehen über Jahre hinweg.
Mitarbeiterbindung schafft man nicht mit dem Obstkorb
Viele Unternehmen investieren viel Geld in Benefits. Das kann sinnvoll sein. Trotzdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeitende vor allem dann bleiben, wenn sie sich verstanden, eingebunden und vor allem wertgeschätzt fühlen.
Für mich beginnt nachhaltige Mitarbeiterführung deshalb bereits am ersten Arbeitstag. Neue Kolleginnen und Kollegen lernen bei uns nicht nur ihren eigenen Arbeitsplatz kennen. Sie durchlaufen zunächst alle Bereiche des Unternehmens. Das kostet Zeit, keine Frage. Kurzfristig wäre es sicherlich effizienter, jemanden direkt in seiner Rolle einzuarbeiten. Langfristig überwiegen aus meiner Sicht aber die Vorteile: Wer die Herausforderungen anderer Abteilungen kennt, versteht Zusammenhänge besser. Wer die Menschen hinter den Prozessen kennt, entwickelt mehr Wertschätzung für deren Arbeit. Und wer das Unternehmen als Ganzes versteht, kann bessere Entscheidungen treffen.
Es geht also darum, nicht die kurzfristig einfachste Lösung zu wählen, sondern die langfristig sinnvollere.
Entwicklung statt Bewertung
Ähnlich sehe ich das Thema Mitarbeitergespräche. In vielen Unternehmen werden Mitarbeitende einmal im Jahr bewertet. Es werden Formulare ausgefüllt, Noten vergeben und Zielvereinbarungen dokumentiert. Danach verschwindet das Thema häufig wieder für viele Monate. Wir haben uns bewusst für einen anderen Weg entschieden.
Statt auf klassische Beurteilungen zu setzen, führen wir regelmäßige One-to-One-Gespräche. Dort sprechen wir über Ziele, Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Gemeinsam definieren wir konkrete Schritte und halten fest, was bis wann erreicht werden soll. Der Unterschied ist für mich entscheidend: Es geht nicht darum, Menschen zu bewerten. Es geht darum, sie weiterzuentwickeln. Denn die wenigsten Mitarbeitenden fragen sich, welche Note sie bekommen würden. Viel wichtiger ist die Frage: Wie kann ich besser werden? Und welche Perspektive habe ich im Unternehmen?
Gute Führung heißt nicht, alles allein zu entscheiden
Im Laufe meiner beruflichen Laufbahn habe ich sehr unterschiedliche Führungsstile kennengelernt. Manche Führungskräfte wollten möglichst jede Entscheidung selbst treffen. Andere haben Verantwortung bewusst in ihre Teams gegeben und ihren Mitarbeitenden zugetraut, eigene Lösungen zu entwickeln. Beides kann kurzfristig funktionieren. Langfristig habe ich jedoch beobachtet, dass Organisationen besonders dann erfolgreich sind, wenn Verantwortung auf viele Schultern verteilt wird.
Das hat einen einfachen Grund: Die Komplexität unserer Arbeitswelt nimmt ständig zu. Kein Geschäftsführer kann heute Experte für Vertrieb, Personal, IT, Produktion, Logistik und Finanzen gleichzeitig sein. Wer trotzdem versucht, jede Entscheidung an sich zu ziehen, wird früher oder später zum Flaschenhals. Deshalb glaube ich auch nicht, dass ein guter Geschäftsführer unentbehrlich sein sollte. Im Gegenteil. Wenn ein Unternehmen nur deshalb funktioniert, weil einzelne Personen alles zusammenhalten, entsteht eine gefährliche Abhängigkeit. Spätestens wenn diese Person ausfällt, zeigt sich, wie belastbar die Organisation wirklich ist.
Wie nachhaltige Mitarbeiterführung in der Praxis aussehen kann: Bei uns steht das Organigramm auf dem Kopf. Im Mittelpunkt stehen die Mitarbeitenden mit direktem Kundenkontakt. Sie erleben jeden Tag, was Kunden brauchen, wo Prozesse funktionieren und wo Verbesserungen möglich sind. Die Aufgabe der Führungskräfte besteht darin, diese Kolleginnen und Kollegen bestmöglich zu unterstützen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und die notwendigen Ressourcen bereitzustellen. Ich treffe Entscheidungen also nicht alleine, sondern befähige meine Mitarbeitenden, die beste Entscheidung für das Unternehmen zu treffen. Das braucht Vertrauen und ein Team, das an einem Strang zieht. Aber wer bereit ist, in seine Mitarbeitenden zu investieren, dem wird genau das gelingen.
Haben also auch Sie Mut, entbehrlich zu sein!
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