Die jüngsten Entwicklungen rund um die Straße von Hormus zeigen nicht nur, wie fragil globale Lieferketten sind. Sie offenbaren auch, dass die eigentliche Schwachstelle eines resilienten Krisenmanagements in einer operativen Reaktionslücke liegt.
Die Blockade der Straße von Hormus hält die Weltwirtschaft weiterhin in Atem. Rund ein Viertel des weltweiten seewärtigen Ölhandels sowie relevante Mengen an Flüssiggas und Düngemitteln werden durch die Meerenge transportiert, in der der Schiffsverkehr seit März fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Die Situation erinnert an die Havarie des Containerschiffs Ever Given, das im Frühjahr 2021 den Frachtverkehr im Suezkanal blockierte – und Lieferkettenprozesse auf der ganzen Welt zum Erliegen brachte.
Auch damals wirbelte eine unvorhergesehene Entwicklung geplante Abläufe im Lieferkettenmanagement auf globaler Ebene durcheinander. Geopolitische Spannungen, internationale Handelskonflikte und eine volatile Zollpolitik gehören im Jahr 2026 zur Tagesordnung und reduzieren die Planungssicherheit beträchtlich – mit entsprechenden Auswirkungen für Unternehmen. Entscheidend ist dabei weniger das Ereignis an sich, als vielmehr die Reaktion darauf.
Verzögerte Reaktion – die eigentliche Schwachstelle
Fällt ein häufig frequentierter Transportkorridor aus, beginnt in vielen Unternehmen ein eingespielter Ablauf. Teams prüfen alternative Routen, vergleichen die damit verbundenen Lieferzeiten, kalkulieren mögliche Mehrkosten und stimmen Prioritäten ab. Jeder dieser Schritte ist notwendig, doch in Summe kosten sie wertvolle Zeit.
Genau hier entstehen derzeit die höchsten Kosten. Nicht, weil Daten fehlen, sondern weil sie in unterschiedlichen Systemen, Tabellen und Abteilungen liegen. Die Folge ist eine operative Reaktionslücke: Alle sehen das Problem, aber nicht jeder ist direkt handlungsfähig.
Kritisch wird dies besonders dann, wenn Unternehmen schnell reagieren müssen. Zahlen der Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) belegen, wie stark Energiepreise, Tankerfrachtraten und Versicherungsprämien infolge der Ereignisse im Hormus gestiegen sind. Geopolitische Ereignisse wie diese wirken sich nicht nur auf einzelne Transportwege, sondern auf die gesamte Kostenstruktur von Wertschöpfungsketten aus.
Für Supply-Chain-Teams bedeutet das, dass sie die zugrundeliegenden Lieferkettenprozesse für eine robuste Planung noch tiefer durchdringen müssen. Nur wenn sie die realen Prozessabhängigkeiten kennen und verstehen, können sie im Störfall schnell entscheiden, welche Maßnahmen den größten Effekt auf Servicelevel, Kosten und Verfügbarkeit haben und daher sinnvoll sind.
Von der Krise zur Entscheidung
Um eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit zu gewährleisten, ist eine systemübergreifende Sicht auf prozessbezogene Abhängigkeiten erforderlich. Process Intelligence liefert die Grundlage dafür. Die Technologie führt Ereignisdaten aus unterschiedlichen Systemen zusammen und erzeugt daraus ein Abbild der tatsächlichen Abläufe. Auf dieser Basis können Unternehmen nachvollziehen, wo Engpässe entstehen und welche Prozessschritte voneinander abhängen. Zudem können sie abschätzen, welche Folgen bestimmte Entscheidungen hätten.
Durchgängig verknüpfte Prozesse helfen Unternehmen, auch unter Zeitdruck handlungsfähig zu bleiben. Sind Daten, Systeme und Teams hingegen nicht miteinander verbunden, wird jede größere Störung zum Koordinationsproblem. Dass viele Unternehmen hier noch Nachholbedarf haben, zeigt der Process Optimization Report 2026 von Celonis, für den weltweit 1.600 Führungskräfte befragt wurden. Demnach haben zwei Drittel der Supply-Chain-Verantwortlichen Schwierigkeiten, ihre Geschäftsabläufe in Echtzeit und ganzheitlich zu überblicken. Gleichzeitig geben mehr als drei Viertel aller Befragten an, mit suboptimalen Prozessen „gerade so“ zurechtzukommen.
KI braucht Kontext
Viele Planungsverantwortliche setzen große Hoffnung in KI und hoffen, dass die Technologie sie bei einer schnelleren Entscheidungsfindung unterstützt. Doch auch KI-Anwendungen können nur dann sinnvoll unterstützen, wenn sie den operativen Kontext verstehen. Nur wenn sie Zugriff auf betriebsrelevante Details haben, können sie Ergebnisse liefern, die dabei helfen, Gegenmaßnahmen systematisch zu bewerten und zu koordinieren. So müssen entsprechende Anwendungen beispielsweise wissen, welche Lieferanten im konkreten Fall unverzichtbar sind, welche Abhängigkeiten bestehen und welche Kosten eine Entscheidung mit sich bringt.
Schneller handeln statt schneller planen
Die Ereignisse in der Straße von Hormus machen deutlich, dass Lieferketten in der Regel nicht aufgrund eines Einzelereignisses brechen. Sie geraten unter Druck, wenn Organisationen zu lange brauchen, um auf ein Signal hin abgestimmte Entscheidungen zu treffen. Voraussetzung dafür sind datengestützte Prozesstransparenz, die ein gemeinsames Prozessverständnis ermöglicht und Unternehmen befähigt, Entscheidungen über Abteilungen hinweg zu koordinieren. Dies unterscheidet bloßes Reagieren von aktiver Steuerung.


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