Als sich Europas Staats‑ und Regierungschefs Ende letzten Jahres in Brüssel trafen, um die nächste Phase des EU‑Green‑Industrial‑Plans zu beschließen, stand ein neues Paket von 40 Milliarden Euro für Cleantech‑Produktion im Zentrum, flankiert vom Net‑Zero‑Industry‑Act. Ziel ist es, Lieferketten abzusichern, lokale Arbeitsplätze zu schaffen und den Kontinent zu re‑industrialisieren.
Doch wie der Ökonom Richard Baldwin in seinem Essay „Is China Misthinking Manufacturing?“ warnt, liegt die Gefahr für Industrienationen heute nicht in zu wenig Industrie, sondern in zu viel Glauben an sie. Chinas Überinvestitionen in Fabriken und Unterinvestitionen in anspruchsvolle Dienstleistungen haben zwar Größe gebracht, aber womöglich Balance verhindert; eine Warnung, die Europa nicht ignorieren sollte.
Die wahre Quelle von Wohlstand
Baldwins Analyse der USA und Chinas zeigt, wie sich der Motor der Weltwirtschaft verlagert hat. 2019 erwirtschaftete ein US‑Arbeitsplatz im Schnitt rund 125.000 Dollar pro Jahr, in China waren es etwa 18.000 Dollar, also gut 15 Prozent davon. Entscheidend ist: Die Kluft erklärt sich nicht aus der Industrieproduktion.
In den USA arbeiten rund 85 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor, der für etwa vier Fünftel der gesamtwirtschaftlichen Produktivität steht; die verarbeitende Industrie trägt nur rund 12 Prozent bei. Chinas Arbeitskräfte konzentrieren sich im Wesentlichen auf die Produktion, aber nach Baldwin liegt der Grund für den Wohlstandsabstand zwischen ausgereiften und aufstrebenden Volkswirtschaften vor allem in den Dienstleistungen, nicht in den Fabrikhallen.
Europa ist weder USA noch China: wohlhabend, industriell hochentwickelt, aber mit anhaltenden Produktivitätsproblemen in heimischen und unternehmensnahen Dienstleistungen. OECD und Europäische Zentralbank haben wiederholt darauf hingewiesen, dass der Produktivitätsknick gerade in Bereichen wie IT, professionelle Dienste und Logistik liegt, mit einigen Vorreiterorganisationen und vielen Nachzüglern, die in fragmentierten Märkten operieren.
Der industrielle Reflex
Unter Druck aus Washington und Peking greift Europa reflexartig zur industriellen Antwort. Der Net‑Zero‑Industry‑Act und die reformierten Beihilferegeln flankieren inzwischen Dutzende neuer Projekte für Batterien, Windkraftanlagen, Wasserstoffsysteme und Wärmepumpen.
Diese Vorhaben sind zu Recht zentral für strategische Unabhängigkeit und die grüne Transformation. Doch ein zu enger Fokus auf physische Produktionskapazität droht die Investitionen in jene weniger sichtbaren, aber höchst lukrativen, Vermögenswerte zu verdrängen, aus denen letztlich wesentlicher Wert entsteht: Wissen, Software, Daten, Design. Fabriken sind für Souveränität erforderlich, bleiben für sich genommen aber tendenziell niedrig rentierende Anlagegüter, wenn sie denn überhaupt eine Rendite abwerfen. Der größte Anteil der Wertschöpfung moderner Staaten entsteht heute vor‑ und nachgelagert in Dienstleistungen.
Diese Schieflage ist quer durch Branchen spürbar. Europa setzt einen überproportionalen Teil seiner Ingenieurinnen, Ingenieure und technischen Absolventen in der klassischen Produktion ein, während hochqualifizierte Profile in Software, KI und digitaler Systementwicklung knapp bleiben. Außerhalb des bekannten Automobil‑Clusters ist das industrielle Talent des Kontinents nach wie vor stärker auf physische Fertigung als auf Service‑Innovation ausgerichtet.
Was Wettbewerbsfähigkeit wirklich treibt
Europas Handicap ist Kohärenz, nicht Kapazität. Trotz jahrzehntelanger Fokussierung auf Integration ist der Binnenmarkt noch immer unvollendet: Gründerinnen und Gründer sehen sich fragmentierten Lizenzregimen, begrenzter Anerkennung beruflicher Qualifikationen und unterschiedlichen Regeln für Daten‑ und Digitalmärkte gegenüber. Das Resultat, so OECD‑Analysen, ist eine anhaltende „Produktivitäts‑Diffusionslücke“: Technologie‑ und Managementinnovationen sickern nur langsam von Pionierunternehmen in die Breite der Ökonomie.
Währenddessen bauen die USA und dienstleistungsintensive asiatische Volkswirtschaften wie Südkorea oder Singapur Ökosysteme, in denen Industrie und Services sich gegenseitig verstärken. Dort fungiert industrielle Kapazität als Plattform für hochproduktive Dienste in Design, Logistik und Finanzierung. Europa läuft Gefahr, das Gegenteil zu tun: Hardware zu schützen und dabei die Software, die den Wohlstand treibt, im wörtlichen wie übertragenen Sinn zu vernachlässigen.
Ein Fenster, das noch offen steht
Die gute Nachricht: Europa hat noch Zeit, die Weichen zu stellen, bevor sich der Kurs verfestigt. Anders als China, das in mehreren Industriesektoren bereits erheblich überbaut hat, befindet sich Europas neuerliche Re‑Industrialisierung noch in einer Phase, in der Korrekturen möglich sind. Die europäische Cleantech‑Agenda kann sich noch zu etwas Größerem entwickeln: zu einem dienstleistungszentrierten Wettbewerbsmodell, das Industrie als Fundament nutzt, nicht als Endpunkt.
Dieses Jahrzehnt bietet die Gelegenheit. Mit dem Zusammenwachsen von KI, Digitalisierung und grünen Technologien kann Europa nach wie vor vorangehen, wenn der Blick über das Physische hinausgeht. Die Entscheidung ist, ob weiter vor allem in traditionelle Sachkapitalbildung investiert wird oder ob die Dynamik auf jene immateriellen Vermögenswerte gelenkt wird, die die nächste Wachstumswelle tragen.
Drei Kurskorrekturen, bevor die Richtung zementiert ist.
- Industriepolitik durch die Brille der Dienstleistungen denken.
Jede Förderung sollte mit Maßnahmen verknüpft sein, die die Produktivität im Dienstleistungssektor erhöhen, digitale Infrastrukturen verbessern, berufliche Mobilität stärken und grenzüberschreitende Datenflüsse erweitern. Ein vollendeter Binnenmarkt für Dienstleistungen würde mehr Wachstum freisetzen als jedes einzelne Subventionsprogramm. - Fabriken als Plattformen, nicht als Pokale handhaben.
Produktion bleibt für Resilienz zentral, doch ihre Aufgabe ist es, Ökosysteme von Qualifizierung, Design, Logistik und Weiterverwertung zu verankern. Ein Werk für Windturbinen, das Daten, Wartung und KI‑optimierte Betriebsmodelle in einem Netzwerk bündelt, wird zum echten Wachstumsmotor; eine Anlage, die nur für lokale Stückzahlen belohnt wird, nicht. - Mit originären europäischen Stärken konkurrieren.
Europas Kompetenzen in Governance, Standards und Nachhaltigkeit sind weltweit einzigartig. Werden sie in exportfähige Rahmenwerke für grüne Finanzierung, Zirkularitätsmetriken und digitale Handelsregeln übersetzt, kann Europa die Spielregeln des globalen Wettbewerbs mitgestalten, statt die industriellen Modelle anderer zu imitieren.
Das Rennen um um Europas ökonomische Zukunft
Der prägende ökonomische Wettbewerb dieses Jahrhunderts dreht sich nicht darum, mehr Güter zu produzieren, sondern darum, mehr Wert aus Wissen zu ziehen. Die amerikanische Frontier liegt in Dienstleistungen und Innovation, Chinas Stärke in der Massenproduktion. Dabei liegt Europas Vorteil in Systemen, Regeln, Institutionen und der Fähigkeit, Technologie mit Vertrauen zu verbinden.
Baldwin spricht für China von „factory fever“ – Fabrikfieber. Europas Variante ist milder, aber nicht weniger aufschlussreich: Sie zeigt sich in einer politischen Sprache, die Wettbewerbsfähigkeit mit Kapazität gleichsetzt, statt mit Produktivität. Dabei verfügen die Institutionen der EU, ihre Universitäten und ein stark vernetzter Privatsektor über die Mittel, einen anderen Weg zu wählen, einen, in dem Industriepolitik den Aufstieg hochproduktiver Dienstleistungen beschleunigt, nicht verdrängt.
Die Wirtschaftsgeschichte gewährt selten zweite Chancen. Europa hat noch eine – aber das Fenster, von einer einspurigen Produktionsstraße auf eine mehrspurige Ökonomie von Dienstleistungen, Ideen und Innovation überzugehen, beginnt sich zu schließen. Ob der Kontinent die heutige Straße rechtzeitig verbreitert, wird entscheiden, ob er in diesem Jahrhundert Regelsetzer bleibt, oder zum Nachahmer gestriger Industriegiganten wird.
Literatur
- Baldwin, R. (2025) Is China misthinking manufacturing? Factful Friday, Substack, 25 December.
- OECD (2025) OECD Economic Surveys: European Union and Euro Area 2025. Paris: OECD Publishing.
- European Central Bank (2024) ‘Recent country-specific and sectoral developments in labour productivity in the euro area’, Economic Bulletin, Issue 5.
- OECD (2025) The best versus the rest: The global productivity slowdown and the role of frontier firms, Global Forum on Productivity at 10.
- European Parliament (2025) ‘Net Zero Industry Act: boosting clean technologies in Europe’, Legislative Briefing.
- European Commission (2023) ‘€902 million German State aid measure to support Northvolt’, Press Release IP/23/6823.


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