Auch 2026 werden die Lieferketten nicht kollabieren; sie haben immer wieder bewiesen, dass sie im Kern unzerstörbar sind. Selbst als die Angriffe im Roten Meer in der Post‑Covid‑Phase Anfang 2024 den Verkehr durch den Suezkanal zeitweise halbierten und viele Schiffe zwangen, das Kap zu umrunden, verlangsamten sich die globalen Ströme, wurden umgeleitet und verteuerten sich – aber sie kamen nicht zum Stillstand. Trotz Trumps „Tag der Befreiung“ wächst der Welthandel weiter. Menschen brauchen Nahrung, Medizin und Güter; deshalb findet die Welt stets neue Wege, um Transport und Produktion zu ermöglichen. Die strategische Frage lautet folglich nicht: „Werden Lieferketten überleben?“, sondern: „Mit welcher Art von Lieferkette wollen wir leben?“
Ein unzerstörbares System ohne klare Richtung ist bedenklich, wenn nicht gar gefährlich: Es kann Ungleichheiten verfestigen, Schocks verstärken und ökologische Schäden nicht nur herbeiführen, sondern beschleunigen. Die Chance des Jahres 2026 besteht darin, dieses System wieder konsequent als lebendige Infrastruktur für gemeinsamen, langfristigen Wohlstand zu begreifen – und es dementsprechend neu zu gestalten. Fünf Themen bieten dafür sowohl eine neue Perspektive als auch wirksame Hebel: menschenzentrierte Führung, Systemdenken, verantwortungsvolle Technologie, Ökosystem‑Orchestrierung und Zirkularität.
Lieferketten und ihre Wirkung sind zu wichtig, um sie dem Selbstlauf zu überlassen; die eigentliche Frage ist, ob sie auch menschlich und nachhaltig sind.
Führung und Kultur: Leistung unter Druck
Kultur entscheidet, ob sich eine Lieferkette unter Stress biegt oder bricht. Wenn Führungskräfte Widerspruch unterdrücken oder die Erfahrung und das Wissen der Mitarbeitenden an der Front ignorieren, werden Probleme versteckt und kaputte Prozesse weiter verfolgt, bis der Ausfall systemisch wird. Forschung zur psychologischen Sicherheit zeigt seit Jahren, dass Teams, die offen über Fehler und Risiken sprechen können, jene übertreffen, die schweigen. Gerade weil sie schneller lernen.
In einer Welt chronischer Störungen ist das keine weiche Wohlfühl‑Agenda, sondern eine harte Performance‑Frage. Führungskräfte, die zu frühzeitigen Warnungen und Eskalation ermutigen, reduzieren Stillstandzeiten, vermeiden Unfälle und schützen sowohl Markenreputation als auch Existenzgrundlagen der Unternehmen. Eine unzerstörbare Lieferkette wird sich kontinuierlich fortsetzen – ob auf den Schultern erschöpfter, verängstigter Mitarbeiter oder auf denen engagierter, befähigter Teams, ist dabei einfach eine Führungsentscheidung.
Wo die Kultur schwach ist, wird eine unzerstörbare Lieferkette zur unerschöpflichen Quelle menschlichen und operativen Stresses.
Systemdenken: Von der Kette zum Kreislauf
Moderne Lieferketten verhalten sich weniger wie starre Ketten und mehr wie Kreislaufsysteme. Rund 15 Prozent des weltweiten Seeverkehrs nach Volumen passieren den Suezkanal. Als diese Route gestört war, verlängerten sich Lieferzeiten nach Teilen Europas auf dem Höhepunkt der Krise rund um Huthi und das Rote Meer um zehn Tage oder mehr. Dies hatte spürbare Auswirkungen auf Bestände, Preise und Produktionspläne weltweit. Lokale Ereignisse wurden im Handumdrehen zu makroökonomischen Signalen.
Systemdenken ermöglicht Führungskräften, über einzelne Transportachsen hinaus das Netz der dahinterliegenden Abhängigkeiten zu sehen. Es zeigt, wie Ein‑Beschaffungsquellen‑Modelle Verwundbarkeit schaffen, wie regionale Diversifizierung, Puffer und multimodale Optionen das Risikoprofil verschieben und wie Handelsregeln, Industriepolitik und Klimawandel zusammenwirken. Wer Lieferketten als lebende Organismen und Netzwerke mit Rückkopplungen, Schwellenwerten und Kipppunkten begreift, vermeidet, ein Problem zu lösen und gleichzeitig unbeabsichtigt drei neue zu schaffen. In einem unzerstörbaren Netzwerk ist Systemdenken kein intellektueller Firlefanz, sondern die einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass die Notlösungen von heute zu Systemkrisen von morgen werden.
Technologie: Mächtiger Hebel, kein Autopilot
Die Digitalisierung hat die Lieferkette durchschaubarer und transparenter gemacht. Plattformen erlauben es Unternehmen, Sendungen, Kapazitäten und Emissionen nahezu in Echtzeit zu verfolgen, während KI dabei hilft, Nachfrage zu prognostizieren und drohende Engpässe früh zu erkennen. Richtig eingesetzt, verwandelt dies die Unzerstörbarkeit des Systems in einen gesteuerten Vermögenswert: Ströme lassen sich früher umleiten, Bestände präziser steuern und Kundenversprechen auch in turbulenten Zeiten einhalten.
Gleichzeitig verschiebt Technologie das Risikoprofil. In vielen Branchen belaufen sich die Scope‑3‑Emissionen entlang der Lieferkette im Durchschnitt auf ein Vielfaches der direkten betrieblichen Emissionen. Der größte ökologische Fußabdruck liegt oft in den schwer sichtbaren Netzwerkteilen. KI-Agenten können Verantwortlichkeiten verwischen, wenn Governance schwach ist. Der Grundsatz: Technologie sollte Voraussicht erweitern, aber die Verantwortung für diese Voraussicht bleibt beim Menschen. Das verlangt prüfbare Algorithmen, klare Entscheidungsrechte und explizite Grenzen.
Wird Technologie vom Armaturenbrett zum Piloten, können unzerstörbare Lieferkette irreparable Schäden herbeiführen.
Zusammenarbeit und Ökosystem‑Orchestrierung
Lieferketten sind per Design generell arbeitsteilige Systeme. Rund 30 Prozent des weltweiten Containerverkehrs verlaufen üblicherweise über die Route Rotes Meer–Suez, die Asien–Europa und andere Hauptkorridore bedient. Als der Containerschiffsverkehr dort in der Spitze um etwa drei Viertel einbrach, spürten europäische Händler, afrikanische Exporteure und die Energiemärkte die Folgen. Keine einzelne Institution kann diese Lebensadern steuern.
Umso wichtiger ist die Orchestrierung von Ökosystemen: Häfen, Reedereien, Verlader, Regulierer, Finanzierer und Technologieanbieter, die auf Basis gemeinsamer Standards und gemeinsamer Daten arbeiten. Grüne Korridore, digitale Handelsrouten und gemeinsame Investitionen in Hafen‑ und Schienenkapazitäten zeigen, wie Kooperation aus Fragmentierung Resilienz machen kann. Analysen der Rote Meer‑Krise verdeutlichen, dass koordinierte Reaktionen und Informationsaustausch inflationsdämpfend wirken und regionale Schäden begrenzen können. In einem unzerstörbaren System entscheidet Zusammenarbeit darüber, ob Kontinuität inklusiv gestaltet wird, oder die Erträge weitgehend den Akteuren mit dem größten Kapital und der größten Verhandlungsmacht vorbehalten bleiben.
Zirkularität: Mit Grenzen leben lernen
Wenn Lieferketten dauerhaft bestehen, verschiebt sich die entscheidende Frage darauf, was, wie häufig, und mit welchem ökologischen Fußabdruck sie transportieren. Acht große globale Lieferketten –Ernährung, Bau, Mode, Konsumgüter, Elektronik, Automobil, professionelle Dienstleistungen und Fracht – stehen zusammen für einen erheblichen Anteil der weltweiten Treibhausgasemissionen über die gesamten Wertschöpfungsketten hinweg. In vielen Unternehmen machen die Emissionen entlang der Lieferkette rund 90 Prozent des CO₂‑Fußabdrucks aus.
Die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft bieten einen Weg, diesen Anteil zu verringern, ohne die Ströme dabei negativ zu beeinträchtigen. Wenn Produkte von Anfang an für Wiederverwendung, Reparatur, Erneuerung und hochwertige Weiterverwertung gestaltet werden, und wenn Rückführlogistik für die Rückgewinnung von Materialien etabliert wird, lassen sich Emissionen und Ressourcenverbrauch senken und zugleich neue Geschäfts- und Erlösquellen erschließen. Studien deuten darauf hin, dass umfassende Zirkularitätsstrategien, wenn sie im großen Maßstab umgesetzt werden, die globalen Emissionen gegenüber 2019 deutlich reduzieren könnten, in einer Größenordnung, die den heutigen verkehrsbedingten Emissionen nahekommt. Zirkuläre Lieferketten werden damit nicht nur zur Überlebens- sondern auch zur Wettbewerbsnotwendigkeit. Regulierer, Investoren und Kunden müssen die Klima‑ und Ressourcenfrage allerdings gemeinsam adressieren.
Zirkularität ist der Weg, wie eine unzerstörbare Lieferkette lernen kann, innerhalb planetarer Grenzen zu wirtschaften.
Aus Unvermeidbarkeit Absicht machen
Lieferketten werden in irgendeiner Form fortbestehen. Selbst wenn zentrale Routen durch Konflikte oder Klimafolgen unterbrochen werden, findet die Welt neue Wege, das zu bewegen, was Menschen brauchen. Neue Korridore entstehen, während alte erodieren und Mittler konfigurieren sich neu, statt zu verschwinden. Für Führungskräfte stellt sich daher nicht die Frage des Ob, sondern des Wie: Entwickelt sich dieses unzerstörbare System zufällig, oder wird es bewusster gestaltet?
Wer Abwägung und Entscheidung auf eine menschenzentrierte Kultur, einen systemischen Blick, verantwortungsvoll gesteuerte Technologie, orchestrierte Ökosysteme und verankerte Zirkularität stützt, macht aus einem sich selbst organisierenden System ein strategisches Asset. Eine unzerstörbare Lieferkette wird aufgrund von Versorgungsnotwendigkeiten immer existieren; die Aufgabe dieses Jahrzehnts ist es, sicherzustellen, dass sie widerstandsfähige Lebensgrundlagen und eine regenerative Wirtschaft trägt, statt blind an alten Mustern festzuhalten, die Wohlstand und letztlich Überleben gefährden.
Die Ströme werden nicht versiegen; die einzige echte Variable ist, ob sie vor allem die Vergangenheit fortschreiben, oder eine lebenswertere Zukunft liefern.
Literatur
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