Chinesische Unternehmen liefern nicht nur Waren, sondern auch Technologie für Fabriken im Ausland. Für Europa kommt es deshalb nicht allein darauf an, wo produziert wird, sondern darauf, wer die Fertigung beherrscht.
Amerikanisches Werk, amerikanischer Betreiber, chinesische Batterietechnologie: So beschreibt Ford die Arbeitsteilung mit CATL in seinem Werk in Marshall, Michigan. Der Autokonzern besitzt und betreibt die Fabrik selbst. Mit dem chinesischen Batteriehersteller verbindet ihn nach eigenen Angaben ein begrenzter Lizenz- und Dienstleistungsvertrag, kein Gemeinschaftsunternehmen.
An dieser Konstruktion entbrannte Anfang September ein Streit. US-Verkehrsminister Sean Duffy kritisierte Fords Rückgriff auf chinesische Technologie. Ford hielt dagegen: Das Unternehmen baue Batterien in Amerika, statt sie weiterhin aus China zu importieren. Der Fall zeigt, warum lokale Produktion und technologische Eigenständigkeit nicht dasselbe sind: Ein Land kann Importe durch eigene Fertigung ersetzen und dabei Technologie aus dem bisherigen Lieferland nutzen.
Aus der veröffentlichten Beschreibung geht keine chinesische Kontrolle über Ford hervor. Sie zeigt vielmehr ein Geschäftsmodell, das über den Warenverkauf hinausgeht: Ein chinesischer Anbieter ermöglicht einem ausländischen Unternehmen die Herstellung dessen Produkte. Wer Chinas Wettbewerbsposition allein anhand der Warenexporte misst, übersieht dabei einen Teil des Geschäfts.
Zölle erfassen nur einen Teil des Wettbewerbs
Neben die Lizenzvergabe tritt der Bau eigener Auslandsstandorte. Die von Rhodium und Merics erfassten chinesischen Greenfield-Investitionen in der Europäischen Union und im Vereinigten Königreich stiegen 2025 um 51 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro. Diese Investitionen in Standorte umfassen neben Fabriken auch Windparks und Rechenzentren.
Der Rekord belegt keine anhaltende Beschleunigung. Der Wert neu angekündigter Greenfield-Projekte sank von 5,7 Milliarden Euro 2024 auf 5,2 Milliarden Euro 2025. Auch weltweit gingen die neu angekündigten chinesischen Investitionen in ausländische Fertigungsanlagen das zweite Jahr in Folge zurück. Rhodium betont, dass Exporte weiterhin der dominierende Weg zur Bedienung ausländischer Märkte sind.
Der Fabrikbau ersetzt den Warenexport also nicht. Er ergänzt die Möglichkeiten chinesischer Firmen, im Ausland Geschäfte zu betreiben. Der IMD-Professor Howard Yu sieht darin eine Grenze der Wirkung von Importzöllen. Für Europa folgt daraus: Schutz vor Importen ersetzt keine Wettbewerbsstrategie gegenüber lokal produzierenden Anbietern.
Deutsche Unternehmen sollten sich daher fragen, welche Lieferquellen verringern ihre Verwundbarkeit, und welche Fertigungsfähigkeiten wollen sie selbst beherrschen, statt sie einzukaufen.
Nicht die Adresse entscheidet, sondern die Ersetzbarkeit
Bei der Lieferantenprüfung reicht es nicht, Länder zu zählen. Zwei Lieferanten in verschiedenen Staaten bleiben gegenüber dem Ausfall einer gemeinsamen, unersetzlichen Vorleistung verwundbar. Umgekehrt kann ein chinesisch geführtes Werk zusätzliche Sicherheit bieten, wenn es unabhängig von der bisherigen Lieferquelle produzieren kann.
Fords Stellungnahme lässt offen, wie lange das Werk ohne weitere Unterstützung durch CATL arbeiten könnte. Investoren und Kunden sollten sich darüber klar sein, was der Betreiber selbst leisten kann, was er vertraglich sicherstellen kann und was der Technologiepartner fortlaufend leisten muss.
Vorstände sollten wissen, wer kritische Anlagen warten, Fertigungsverfahren anpassen und ausgefallene Technologiepartner ersetzen kann. Dafür zählen neben Eigentumsanteilen auch Lizenzrechte, technische Dokumentation und verfügbare Fachkräfte. Eine neue Adresse ist noch keine Unabhängigkeit.
Europa muss mehr anbieten als Absatzmärkte
Die zweite Frage betrifft die eigene Wettbewerbsposition. Europa muss nicht jede Technologie selbst entwickeln. Aber seine Unternehmen sollten bei ausgewählten kritischen Verfahren so leistungsfähig bleiben, dass andere sie als Partner benötigen. Europas Aufgabe besteht nicht nur darin, alternative Lieferanten zu finden. Es muss auch selbst wettbewerbsfähige Fertigungslösungen anbieten können.
Das verlangt mehr als Forschungsgelder. Investitionen müssen auch den Weg vom Pilotprojekt zur verlässlichen Serienproduktion finanzieren und Fachkräfte befähigen, neue Verfahren im Betrieb zu beherrschen. Zusätzliche Kapazität allein schafft noch keine technologische Alternative. Zusätzliche Resilienz kann Kapital, Zeit und kurzfristig Marge kosten.
Chinesische Technologie pauschal auszuschließen wäre dabei ebenso kurzsichtig wie ihre Verfügbarkeit ungeprüft vorauszusetzen. Lizenzmodelle und neue Werke können Wissen verbreiten und den Wettbewerb stärken. Ihr Wert bemisst sich auch daran, ob der Empfänger eigene Fähigkeiten aufbaut oder dauerhaft auf nicht ersetzbare Leistungen angewiesen bleibt.
Europa sollte deshalb nicht nur fragen, wo die nächste Fabrik steht, sondern auch, wer sie bauen, betreiben und weiterentwickeln kann. Industrielle Stärke bemisst sich nicht allein daran, was ein Land produziert. Sie zeigt sich auch daran, welche Produktionsleistungen es anderen ermöglicht.


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