Zivil-militärische Zusammenarbeit als Säule der Verteidigungsfähigkeit
Gemeinsame Studie von BVL und Strategy& zeigt: Der Wirtschaftsbereich Logistik ist bereit, sich stärker in der Verteidigung zu engagieren und damit seinen Beitrag zu Deutschlands Rolle als logistische Drehscheibe der NATO in Europa zu leisten. Rund 60 Prozent der Transport- und Logistikunternehmen sind bereits im Verteidigungssektor aktiv. Davon 34 Prozent für öffentliche Auftraggeber, 24 Prozent für die Rüstungsindustrie und 42 Prozent für beide Kundengruppen. Das ist ein zentrales Ergebnis der Studie „Defense Logistics“, die die Bundesvereinigung Logistik (BVL) gemeinsam mit Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC, veröffentlicht hat. Grundlage hierfür sind die Antworten von 85 Transport- und Logistikunternehmen, ergänzt um Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern öffentlicher Auftraggeber sowie des militärischen Bereichs. Rund drei Viertel der befragten Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Deutschland. Die Erhebung fand zwischen Juni und August 2026 statt.
Deutschland ist als zentrales Transit- und Aufmarschgebiet eine logistische Drehscheibe für Europa. Im Verteidigungsfall muss es sowohl eigene Kräfte verlegen als auch verbündete Streitkräfte aufnehmen, versorgen und weiterverlegen können. Die dafür benötigten Kapazitäten kann die Bundeswehr nicht allein bereitstellen. Zivile Transport- und Logistikunternehmen sind damit eine wesentliche Voraussetzung für eine durchhaltefähige Landes- und Bündnisverteidigung. „Die sicherheitspolitische Lage verlangt belastbare logistische Fähigkeiten – nicht erst im Ernstfall“, so eine Kernaussage der Studie. Verteidigungslogistik bedeute, Transporte, Lagerung, Umschlag, Instandsetzung und Versorgung auch unter schwierigen Bedingungen über längere Zeit zuverlässig aufrechterhalten zu können. Dafür seien Redundanzen, Reserven und eine deutlich engere zivil-militärische Zusammenarbeit erforderlich. BVL-Geschäftsführer und Mitautor der Studie Christoph Meyer meint: „Eine echte Verteidigungsfähigkeit bedarf in besonderer Weise einer resilienten und effektiven Logistik, die auch unter schwierigen Bedingungen dauerhaft leistungsfähig ist. Dafür müssen Staat, Bundeswehr und Privatwirtschaft ihre Zusammenarbeit verlässlich weiterentwickeln und die nötigen Rahmenbedingungen gemeinsam schaffen.“
Breite Bereitschaft, aber bislang geringe Markttiefe
Die deutsche Logistik zeigt eine hohe grundsätzliche Bereitschaft zum Engagement im Verteidigungssektor: Rund 70 Prozent planen, in den kommenden drei bis fünf Jahren gezielt in das Geschäftsfeld zu investieren. Für etwa zwei Drittel liegt der Umsatzanteil des Verteidigungsgeschäfts derzeit jedoch unter fünf Prozent. Die Beteiligung der Branche ist damit breit, aber noch nicht tief verankert. Die Attraktivität des Verteidigungssektors bewerten die Befragten bereits heute mit durchschnittlich 3,7 von fünf Punkten – mit weiter steigender Tendenz. Neben wirtschaftlichen Perspektiven sind der Aufbau von Fähigkeiten für resiliente Lieferketten sowie gesellschaftliche und sicherheitspolitische Verantwortung wichtige Motive. 66 Prozent der Unternehmen berichten von keinen internen Einschränkungen für ein Engagement im Verteidigungssektor. Staatliche Rahmenbedingungen als Hebel Aus Sicht der Logistiker wird ein stärkeres Engagement vor allem durch regulatorische Anforderungen an Geheimschutz und Exportkontrolle, komplexe Vergabeprozesse, fehlendes sicherheitsüberprüftes Personal, hoher Investitionsbedarf in Infrastruktur und Zertifizierungen sowie ungeklärte Haftungsfragen im Krisenfall gebremst. Besonders kritisch sehen die Befragten die Zusammenarbeit mit öffentlichen Auftraggebern: Nur 14 Prozent bewerten diese als gut, 48 Prozent als schlecht.
75 Prozent der Unternehmen zählen vereinfachte und beschleunigte Vergabeverfahren zu den wirksamsten Verbesserungsmaßnahmen. Zudem wünschen sich die Unternehmen planbare, langfristige Vertragsmodelle. Mehrjährige Rahmenverträge sowie Verfügbarkeits- und Vorhalteverträge sind dabei besonders relevant, weil sie Investitionen in Personal, Fahrzeuge, Lagerflächen und Sicherheitsstrukturen wirtschaftlich absichern können. „Das Potenzial der Branche ist vorhanden, aber es bleibt in vielen Bereichen noch ungenutzt. Logistikunternehmen sollten jetzt bewusst über ihre Rolle im Verteidigungsgeschäft entscheiden, konkrete Bedarfsfelder besetzen und notwendige Fähigkeiten konsequent aufbauen. Aber die Verantwortung ist zwischen Staat und Industrie geteilt: Auch die Zugangshürden für zivile Anbieter sollten verringert werden“, sagt Sebastian Pieper, Director bei Strategy& Deutschland und Mitautor der Studie.
Vorhalteverträge können Kapazitäten systematisch sichern
Die Studie identifiziert effektiv gestaltete Vorhalteverträge als strategischen Hebel: Unternehmen halten dabei definierte Kapazitäten für den Bedarfsfall bereit und erhalten im Gegenzug eine Grundvergütung für deren Verfügbarkeit. Damit diese Modelle wirtschaftlich und operativ tragfähig werden, sollten sie auf zivil und militärisch nutzbaren Gütern aufsetzen, gestaffelte Bereitstellungsfristen und modulare Aufwuchsstufen vorsehen sowie freie Kapazitäten kommerziell nutzbar machen. Transparenz über Verfügbarkeiten und regelmäßige Übungen sind weitere Hebel. Für die öffentliche Hand empfiehlt die Studie, Vergabeverfahren zu vereinfachen, Haftung und Einsatzbedingungen im Krisenfall rechtlich klarzustellen, Erleichterungen bei der Vorqualifizierung von Anbietern zu untersuchen und Bedarfe frühzeitig sowie verlässlich zu kommunizieren. Zivile Partner sollten zudem systematisch in Übungen eingebunden werden, um Prozesse, Schnittstellen und die tatsächliche Verfügbarkeit von Kapazitäten unter realistischen Bedingungen zu testen. Für Logistikunternehmen gilt es, die eigene Position im Verteidigungsgeschäft bewusst zu bestimmen, Kompetenzen für öffentliche Vergaben und Vorhalteverträge aufzubauen, sicherheitsrelevante Voraussetzungen frühzeitig zu schaffen und Kooperationen – insbesondere im Mittelstand – gezielt zu nutzen. Die Studie kommt zu einem klaren Schluss: Das Potenzial des Wirtschaftsbereichs Logistik ist vorhanden. Entscheidend ist nun, aus der bisherigen punktuellen Zusammenarbeit ein langfristig belastbares System zu entwickeln – als tragende Säule nationaler und multinationaler Verteidigungsfähigkeit.