Fokus

"Aus der Supply Chain ist ein Supply Puzzle geworden", sagte BVL-Vorstandsmitglied Karl Gernandt in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche"

Hintergrundpapier zur Situation in der Logistik

Unmittelbar nach den Entscheidungen der Bundes- und Länderregierungen über die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen am 23. März veröffentlichte die BVL ein Hintergrundpapier zur Situation im Wirtschaftsbereich Logistik. Vorausgegangen waren Grenzschließungen in Europa sowie Hamsterkäufe, und es herrschte allgemeine Verunsicherung. Die Inhalte des Papiers wurden nach intensiver Pressearbeit von vielen Medien aufgegriffen. Interviews mit der „Wirtschaftswoche“, dem „Tagesspiegel“, dem ARD-Magazin „Plusminus“ sowie dem Sender N-TV hatten Multiplikatorwirkung in der Breite der Gesellschaft. Daten, Fakten und Einschätzungen hatten Vorstands- und Beiratsmitglieder der BVL zusammengetragen. Das Dokument enthält Beiträge von Berit Börke (TX Logistik), Frank Dreeke (BLG Logistics Group), Peter Gerber (Lufthansa Cargo), Karl Gernandt (Kühne + Nagel), Dr. Christian Grotemeier (BVL.digital), Klemens Rethmann (Rhenus), Frank Sportolari (UPS), Christina Thurner (Loxxess), Thomas Wimmer (BVL) und Stephan Wohler (Edeka Minden-Hannover). Die BVL hat diese in einem Zwölf-Punkte-Papier zusammengefasst und beleuchtet die erschwerten organisatorischen Bedingungen, die Situation der Mitarbeiter und die speziellen Kostentreiber in der Zeit der Corona-Krise. Dabei kommen die Autoren zu dem Schluss: „Der Wirtschaftsbereich Logistik leistet seine Arbeit gerne und ist stolz darauf, dass es auch unter Krisenbedingungen gelingt, das Funktionieren der deutschen Volkswirtschaft zu sichern und die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Die Leistungen, die erbracht werden, müssen allerdings so vergütet werden, dass die entstehenden Kosten gedeckt werden können. Logistik muss wirtschaftlich sein! Wenn durch staatliche Entscheidungen Mehrkosten entstehen, muss deutlich sein, wer diesen Aufwand trägt. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, finanzielle Entlastung für den Wirtschaftsbereich zu schaffen und die Liquidität der Unternehmen in Logistik und Supply Chain Management positiv zu beeinflussen. Dazu zählen Sozialversicherungsstundungen oder Steuerstundungen, zum Beispiel bei der Einfuhrumsatzsteuer. Das passiert in anderen Ländern erst nach sechs Monaten, hier dagegen sofort, und das bedeutet eine Ungleichbehandlung für den Logistik-Standort Deutschland.“ Auf besonderes Interesse stießen Erläuterungen zu den Zusammenhängen in der Organisation von Supply Chains, zum Beispiel zu den fehlenden Mengen im europäischen Landverkehr: „Es wird deutlich weniger produziert und folglich auch deutlich weniger transportiert. Das Stückgutgeschäft im europäischen Landverkehr ist ein durch Fixkosten getriebenes Geschäft. Die Hauptläufe zwischen den regionalen Umschlagbetrieben (jedes Netzwerk in Deutschland umfasst etwa 40 davon) und den europäischen Destinationen müssen weiter aufrechterhalten bleiben, ansonsten würden sich die Laufzeiten extrem verlängern. Der Fixkostenanteil pro Sendung steigt also, Stückgut wird, nicht nur in Europa, sondern auch national in Deutschland, teurer. Nach der Krise wird sich ein neues Gleichgewicht bilden.“ Zum internationalen Transport wird unter anderem ausgeführt: „Terminals und Anlagen im Hafen müssen ständig erreichbar und funktional sein, denn sie sind systemrelevant. Das gilt auch bei geringeren Mengen sowie angesichts aller gesetzlichen Regelungen und ihrer Konsequenzen, wie zum Beispiel zusätzlich notweniger Kinderbetreuung. In den nächsten Wochen sind eher halbleere bis leere Schiffe im Hafen zu erwarten, weniger Container und weniger Fahrzeuge treffen ein. Im Überseeverkehr fehlen Container im Wirtschaftskreislauf. Die Corona-Krise begann mit dem Jahreswechsel 2020 in China – die Asiaten sind Europa also drei Monate ‚voraus‘. In diesen drei Monaten wurde Ware in Containern aus Europa und den USA nach China geschickt. Doch China produzierte viel weniger, folglich liegen in China nun 6 Millionen TEU Leer-Containerkapazität. Die fehlen hier in Europa bzw. im westlichen Handelsraum. Das Wiederherstellen der Parität wird Milliarden kosten.“ Das Papier geht auch auf die Lage kleiner und mittelgroßer Unternehmen ein: „Viele der kleinen und mittelständischen Transportunternehmer haben noch nie mit einer Bank über einen Kredit verhandelt. Die Lkw werden in der Regel geleast. Der Rest wird bezahlt mit dem, was auf dem Konto liegt. Diese Menschen sind zudem oft Unternehmer mit Migrationshintergrund. Mit den Formalitäten und der Bürokratie, die beispielsweise mit einem Antrag auf liquiditätssichernde Mittel bei der KfW verbunden sind, sind sie oft überfordert. Es gilt, Anträge jetzt zu vereinfachen sowie schnell und unkompliziert zu bearbeiten.“

Das Hintergrundpapier als PDF zum Download und weiter Informationen zu "Logistik und Corona" finden sich hier