Fokus

Chancen nutzen in einer Zeit der Unsicherheit

Ende Januar war es ein Jahr her, dass Vorboten der Corona-Pandemie Deutschland erreichten. Mitarbeiter des Automobilzulieferers Webasto hatten sich in China infiziert. "Nach dem ersten Schock ist es uns gelungen, mit beherzten Entscheidungen, konsequenten Maßnahmen und der Unterstützung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Infektionskette zu unterbrechen", erinnert sich der Vorstandsvorsitzende Dr. Holger Engelmann ein Jahr danach im Gespräch mit der Zeitschrift Produktion.

Anfang Februar 2020 fand – noch unbeeinträchtigt von Corona – das Forum Automobillogistik der BVL in Leipzig statt. Und fast alle glaubten noch wochenlang an ein beherrschbares Infektionsgeschehen, bis die Infektionszahlen stiegen, sich die Intensivstationen mit Kranken füllten, Außengrenzen vorübergehend geschlossen wurden und es ab dem 23. März in den ersten Lockdown ging.

Seit rund elf Monaten leben wir persönlich wie beruflich nun in einer Ausnahmesituation, die das private und geschäftliche Geschehen zeitweise massiv beeinflusst. Was bringt nun das Jahr 2021? Mit Prognosen möchte man derzeit vorsichtig sein, hat uns doch das vergangene Jahr gezeigt, wie unberechenbar die Zukunft sein kann. Als im ersten Quartal des Jahres 2020 die Ergebnisse der Februar-Umfrage des Logistik-Indikators veröffentlicht wurde, war Corona noch gar nicht in das Stimmungsbild mit eingeflossen und so zeichnete sich ein leichter Aufwärtstrend in den Geschäftserwartungen ab, insbesondere im Handel und in der Industrie. Eigentlich wäre es wohl ein ganz gutes Jahr geworden. Im Mai sah die Situation dann ganz anders aus und der Geschäftsklimaindikator und auch die Geschäftserwartungen fielen auf historische Tiefststände.

Die Frage war nun, welchen Verlauf die Kurve nehmen würde, wann und wie würde sich die Wirtschaft erholen? Würde es zu einem V-, U-, W- oder sogar zu einem L-förmigen Verlauf kommen? Lange sah es nach der bestmöglichen Variante, einem V-förmigen Verlauf der Kurve, aus. Das Bundeswirtschaftsministerium ging in seiner Prognose von Anfang September 2020 davon aus, dass die gesamte deutsche Wirtschaft im letzten Jahr um 5,8 Prozent schrumpfen und dann im Jahr 2021 wieder um 4,4 Prozent wachsen werde. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier präsentierte den V-förmigen Kurvenverlauf und erklärte, die Talsohle sei durchschritten. Im November zeigten beim Logistik-Indikator die Umfragewerte zu den Geschäftserwartungen jedoch wieder nach unten. Die Stimmung im Dezember war ordentlich, schließlich schien das Ende des zweiten Lockdowns kurz nach den Feiertagen in greifbarer Nähe.

Im Januar 2021 ist der ifo Geschäftsklimaindex wieder gefallen, ähnlich dürfte der Logistik-Indikator Februar aussehen, der in einigen Wochen vorliegen wird. Das schöne V ist ein Bild aus besseren Tagen und die Konjunktur weiß noch nicht, wie sie sich weiterentwickeln kann: Verstetigung auf einem Indexwert unterhalb des stabilen Normalniveaus – oder Übergang in ein trauriges W. Seit der Verschärfung und Verlängerung des Lockdowns ist die Unsicherheit stark gestiegen. Nach derzeitiger Planung endet der aktuelle Lockdown Mitte Februar, aber nach den Erfahrungen der letzten Monate gibt es keine Gewissheiten mehr. Der internationale Währungsfonds (IWF) geht im Moment von einem Zuwachs von 3,5 Prozent für die deutsche Wirtschaft aus. Die Bundesregierung selbst senkt ihre Prognose von 4,4 auf 3 Prozent ab. Das Vor-Krisen-Niveau wird demnach nicht Ende 2021, sondern erst 2022 wieder erreicht. Schließlich muss ein Minus von 5 Prozent aus dem Jahr 2020 kompensiert werden.

„Wirtschaft und Gesellschaft sind in den letzten zehn Monaten kräftig durchgeschüttelt worden. Die Wertschöpfungsketten haben sich weitgehend als robust erwiesen, die Anpassungsfähigkeit und -geschwindigkeit war deutlich höher, als man dies vor der Krise erwartet hätte. Uns diese Hands-on-Mentalität zu erhalten, weiterhin agil zu bleiben und Change-Prozesse mit Kreativität und Systematik weiterzuverfolgen – das sind die positiven Ableitungen aus der Krise“, sagt Prof. Thomas Wimmer in seinem Vorwort zum Bericht des Vorstands 2020. Hilfreich ist es hier, wenn man auf ein gutes Netzwerk zugreifen kann und Kollegen hat, mit denen man sich austauschen kann. Daher gewinnt die BVL in Zeiten der Krise eher noch mehr an Bedeutung. Gleichzeitig wird auch sie sich anpassen müssen, mit neuen Services, mehr New Work und mehr Nachhaltigkeit, mehr digitalen Produkten, strafferen Organisationsabläufen, modernsten Technologien.

Einen Anfang macht die BVL mit digitalen Formaten bei ihren Veranstaltungen: Preisverleihung MX, Forum Automobillogistik, zahlreiche Regionalgruppenveranstaltungen… alles umgestellt auf Onlineformate. BVL.digital plant für den März die dreitägigen Digital Logistics Days. Die Arbeit der Themenkreise läuft ebenso in Onlineformaten weiter wie die Treffen der Gremien. Denn fest steht: Den Kopf in den Sand zu stecken, kommt für Logistiker und für die Verantwortlichen in der BVL nicht in Frage. Es heißt, sich den Gegebenheiten anzupassen und das Beste aus der Situation zu machen. Ganz nach dem diesjährigen Leitgedanken der BVL „Chancen nutzen – Adapt to Lead“.

 

Kommentar von Prof. Christian Kille, Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Wirtschaftswissenschaften, Mitglied der Logistikweisen.

Logistikleistungen haben sich durch Corona verlagert, nicht reduziert

Gastkommentar Für 2021 sind sich scheinbar alle Konjunkturforscherinnen und -forscher einig: Mit der deutschen Wirtschaft geht es im Vergleich zum Vorjahr deutlich bergauf. Bei dem Vergleich der einzelnen Prognosen von acht Instituten kann beim BIP mit einem Plus von real etwa 4 Prozent in 2021 gerechnet werden. Das sind positive Aussichten. Wie wird sich in diesem Umfeld der Wirtschaftsbereich Logistik schlagen?

Kurz gesagt: Die Zeichen stehen auf Wachstum. Wir gehen von einem Plus in Höhe von real gut 3 Prozent, nominal von etwa 4 Prozent aus. Erstaunlich ist, dass das reale Wachstum tendenziell geringer ausfallen wird als das der Gesamtwirtschaft. Die Gründe sind mannigfaltig – und haben mit der Struktur, dem Selbstverständnis und der Zielsetzung des Wirtschaftsbereichs Logistik zu tun.

Die Logistik ist eine wichtige Stütze der deutschen Wirtschaft und ist Dienstleister für alle Einwohner Deutschlands. Ohne die Leistungsfähigkeit und die in Corona-Zeiten noch stärker hervorzuhebende Leistungsbereitschaft wäre weder der Hochlauf der Industrie nach einem Shutdown, noch die Versorgung der Bevölkerung in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen möglich gewesen. Diese Erkenntnis gewann im Krisenjahr 2020 erstmals auch breite Zustimmung. In unserer Community ist dies allen klar. In der Bevölkerung scheint dies (endlich) ebenso angekommen zu sein. Und trotzdem wächst die Logistik nicht mehr?

Ein Grund liegt darin, dass Logistikleistungen sich insbesondere beim Konsum verlagert, nicht reduziert haben. Die stark in Mitleidenschaft genommenen Branchen stationärer Einzelhandel, Gastronomie und Kultur sowie andere, personennahe Dienstleistungen werden in 2021 aus einem tiefen Tal kommen – so die Hoffnung. Der Einbruch in 2020 hatte keinen, teilweise sogar eher einen positiven Effekt auf die Logistik. Die Menschen haben weiter konsumiert, nur mehr zu Hause. Diese Umschichtung von Umsätzen in „Bestellkanäle“ bringt der Logistik einen höheren Aufwand und damit eher Wachstumsimpulse als Einbrüche. Der Konsum konnte durch die Maßnahmen der Politik recht stabil gehalten werden. Damit ist das Tal im Segment der Konsumgüter für die Logistik deutlich flacher, die Wachstumsraten fallen damit für 2021 eher geringer aus.

Auf der Seite der Industrie zeigen sich aus der Sicht des Expertenkreises der Logistikweisen einige Aspekte, die eine schnelle Erholung für die Logistik und damit hohe Wachstumsraten nicht erwarten lassen. Der Anlagen- und Maschinenbau wartet auf das Vertrauen in den Aufschwung und damit auf Investitionsaufträge. Der Automobilbau steht mit der Elektromobilität nicht nur vor einem Strukturwandel, der direkte Auswirkungen auf die Logistik hat. Auch kann erwartet werden, dass die Produktionsmengen in 2021 auch ohne Shutdown gedrosselt werden könnten, da der Bestand an Fertigfahrzeugen eine hohe Zahl erreicht hat. Es gibt entsprechend Licht und Schatten.

Dies sind makroökonomisch Gründe, warum die Logistik trotz zahlreicher Wachstumsimpulse tendenziell weniger wachsen wird als das BIP. Betriebswirtschaftlich finden sich noch ein paar weitere. Denn das Selbstverständnis der Logistik ist, sich kontinuierlich zu verbessern und effizienter zu arbeiten.

Weitere Informationen werden im Blog und ausführlicher im Bericht des Expertkreises der Logistikweisen zum Jahr 2021 beschrieben, der im März dem Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Steffen Bilger übergeben wird.

Kommentar zum Logistik-Indikator für das 4. Quartal 2020 von Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender des Vorstands der BVL

Winter-Blues und Frühlingserwachen?

Kommt am Jahresende zum Winter-Blues der Lockdown-Blues hinzu? Wird es ein Frühlingserwachen der Wirtschaft geben? Bis zum Ende des letzten Monats freuten wir uns über den V-förmigen Verlauf der Konjunkturkurve, und auch jetzt noch schätzen Industrie und Handel die aktuelle Geschäftslage positiv ein. Sie liegt im Teilindikator der Nachfrager nach logistischen Leistungen sogar oberhalb des Normalwerts – fast schon auf Vorkrisenniveau. Das ist sehr beeindruckend.

Nicht minder bemerkenswert ist, dass die Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate wieder abwärts gerichtet sind – wie schon zum Jahreswechsel 2018/2019. Spiegelt diese Einschätzung einen Zweckpessimismus wider oder resultiert sie aus den politischen Diskussionen über Verschärfungen des zweiten Lockdown?

Dieser trifft fast alle Protagonisten des Wirtschaftsbereichs Logistik, denn das seit März veränderte Leben kostet Kraft. Mit der Geschwindigkeitsreduzierung, die wir im Oktober erneut erlebten, und der aktuell drohenden Vollbremsung macht sich vielerorts ein Gefühl von Vergeblichkeit breit. Das zeigen die Ergebnisse der November-Umfrage zum Logistik-Indikator sehr deutlich. Auch wenn der E-Commerce-Anteil überproportional wächst, wird der Verlust von Auftragsvolumen aus Industrie und Handel nicht kompensiert.

Lassen Sie uns trotzdem optimistisch in Richtung des nächsten Frühjahrs schauen. Ja, der Lockdown wird bis in den Januar hinein andauern, vielleicht sogar noch etwas länger. Aber die Zulassung von Impfstoffen und der Beginn der Impfungen ist absehbar, die Impfstofflogistik läuft schon jetzt auf Hochtouren. Das Wirtschaftsleben wird nicht wieder so stark zum Erliegen kommen wie im März/April 2020. Das erste Halbjahr 2021 ist noch mit vielen Unsicherheiten behaftet, aber der Wachstumsmotor läuft schon jetzt – wenn auch mit niedrigeren Drehzahlen als von uns allen gewünscht.

Wirtschaft und Gesellschaft sind in den letzten Monaten kräftig durchgeschüttelt worden. In Deutschland hat die Regierung die Schäden für Unternehmen und Arbeitnehmer bestmöglich finanziell abgefedert. Die Wertschöpfungsketten haben sich weitgehend als robust erwiesen, die Anpassungsfähigkeit und -geschwindigkeit war deutlich höher, als man dies vor der Krise erwartet hätte. Uns diese Hands-on-Mentalität zu erhalten, weiterhin agil zu bleiben und Change-Prozesse mit Kreativität und Systematik weiterzuverfolgen – das sind die positiven Ableitungen aus der Krise.