BVL Intern

Nach dem Brexit ist vor dem Brexit

Eigentlich verbieten sich Fußball-Analogien – aber eben deshalb funktionieren sie vermutlich.  Die hier angeführte beschreibt die momentane Lage recht gut, denn obwohl die Brexit-Übergangsphase am 1. Januar endete, liegt noch eine Menge Arbeit vor allen Wirtschaftsbeteiligten auf beiden Seiten des Kanals, um routiniert mit dem Status des Vereinigten Königreichs als Drittland im Sinne des Unionsrechts umgehen zu können. So begrüßte die Regionalgruppe Nordhessen rund 40 Teilnehmende aus produzierenden Unternehmen, Logistikdienstleistung, Forschung und Lehre sowie Beratung zu ihrer Online-Veranstaltung mit dem Titel „Nach dem Brexit ist vor dem Brexit“.

Referent Niklas Gehling, Senior Manager Customs & International Trade bei der Pricewaterhouse Coopers GmbH, bot einen Überblick über das Handelsabkommen (Trade and Cooperation Agreement – TCA): Welche Zollförmlichkeiten sind zu beachten, welche Informationen zum Warenursprung müssen vorgelegt werden und wann profitieren Unternehmen vom Zollabbau? Der langjährige Sprecher der Regionalgruppe, Frank Schröer, Director Global Logistics & Export Control Officer, B. Braun Melsungen AG, zeigte auf, welche Vorbereitungen einer der weltweit führenden Hersteller von Medizintechnik- und Pharma-Produkten und damit verbundenen Dienstleistungen getroffen hat, um gut auf die Auswirkungen des Brexits vorbereitet zu sein. In seinen persönlichen „Lessons learned“ gab er allen Interessierten wertvolle Tipps und Hinweise mit auf den Weg. Abschließend startete Sebastian Donners, Senior Expert Customs, DPD Deutschland GmbH, mit seinem Einblick in das Tagesgeschäft eines KEP-Dienstleisters im Export mit UK die Diskussion zwischen allen Gästen. Dabei wurden praktische Tipps ausgetauscht, um die täglichen Sendungen von und nach UK schneller und reibungslos an ihr Ziel zu bringen.

Übrigens:  Es war das mittlerweile 100. Treffen der Regionalgruppe. Gefeiert wird das, wenn sich die Mitglieder der Regionalgruppe wieder persönlich werden treffen können. Denn „gerade zu Hause liegt unsere Heimstärke“, wie der ehemalige Fußballer Carsten Ramelow so schön gesagt hat.

Mit dem Green Deal zum klimaneutralen Kontinent

Die Regionalgruppe Münster/Osnabrück lud am 11. März zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Green Deal in der europäischen Verkehrspolitik“. Der Termin war Teil der Ringvorlesung „Osnabrücker Verkehrspolitische Diskurse“, die die Regionalgruppe als Kooperationspartner unterstützt. Die Ringvorlesung findet in Form von Online-Interviews mit Interaktionsmöglichkeiten via Chat statt. In der aktuellen Ausgabe sprach Kurt Bodewig, ehemaliger Bundesminister für Verkehr-, Bau- und Wohnungswesen, mit Catherine Trautmann, EU-TEN-T-Koordinatorin North-Sea Baltic Corridor.

Im Green Deal der Europäischen Union ist festgelegt, dass bis 2050 nicht mehr Treibhausgase emittiert werden, als die Natur absorbieren kann. So soll Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent werden. Damit das gelingt, müssen verkehrsbedingte Emissionen um 90 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 gesenkt werden. Ein wichtiges Ziel, denn allein der Transportsektor produziert 25 Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase. Ansatzpunkte sind eine bessere verkehrstechnische Vernetzung im Binnenmarkt, eine Standardisierung bzw. Harmonisierung im Bereich der Verkehrssysteme und technische Innovationen und Digitalisierung. Trautmann betonte, Europa müsse die durch Transporte verursachten Emissionen stärker und schneller reduzieren: Durch die Schaffung des Nordsee-Ostsee-Korridors wird ein lückenloser Schienenverkehr von den niederländischen Häfen über das Baltikum bis nach Finnland angestrebt. Die fortschreitende Angleichung der verschiedenen Bahnsysteme und die Einführung von einheitlichen Standards innerhalb der EU im Schienenverkehr senken Kosten, verkürzen Lieferzeiten und erhöhen gleichzeitig die Flexibilität und damit die Attraktivität. Dies alles diene dazu, mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern, so Trautmann. Gleichzeitig schafft die Digitalisierung neue Möglichkeiten, zum Beispiel mit der Einführung der Blockchain-Technologie bei den intermodalen Verkehren. Darüber hinaus unterstützt die EU alternative Antriebe bei allen Verkehrsträgern.

Den Abschluss der Veranstaltung markierte eine Umfrage unter den gut 50 Teilnehmenden: Halten Sie den Europäischen Green Deal für ein wirksames Instrument, um Verkehr und Umwelt in Einklang zu bringen? 70 Prozent beantworteten diese Frage mit Ja, 15 Prozent mit Nein, der Rest enthielt sich.

 

Collonil: Innovativ durch die Krise

Rund 20 Mitglieder der Regionalgruppe Berlin/Brandenburg kamen am 18. Februar bei Collonil zusammen – virtuell, versteht sich. Auf dem Programm stand die Wiederwahl der drei Regionalgruppensprecher Roland Becker, Prof. Wolf-Christian Hildebrand und Ulrike Soltani, die einstimmig bei jeweils eigener Enthaltung erfolgte. Gastgeber des Meetings war Collonil-Geschäftsführer Wolfgang Bastian, der begeistert und mitreißend von den neuen Weichenstellungen des Traditionsunternehmens in der Corona-Krise berichtete. Denn: Mit der Produktion von Desinfektionsmitteln geht der Schuhpflege-Hersteller Collonil neue Wege und wurde fast über Nacht zum Hygiene-Experten.

Im März 2020 sank der Absatz von Schuhpflege-Produkten durch die weltweite Schließung von Schuhgeschäften, Sportartikelhändlern und Supermärkten drastisch. Und selbst das Online-Geschäft lief so gut wie gar nicht. Es blieb nichts anderes übrig, als für 130 Mitarbeiter am Produktionsstandort in Berlin und im Logistikzentrum in Brandenburg Kurzarbeit anzumelden. Dass 50 Beschäftigte bereits nach wenigen Tagen zurück an die Arbeit konnten, ist unternehmerischem Denken, leistungsfähigen Laborteams und einem Quantum Glück zu verdanken. Bereits im Dezember hatte Collonil von einem chinesischen Partner die Anfrage erhalten, ob das Unternehmen nicht auch Desinfektionsmittel für Schuhsohlen herstellen könne. Schnell entwickelte das erfahrene Laborteam eine Rezeptur, nahm die Idee auf, drehte sie weiter:

Statt Schuhpflege produzierten die Maschinen nun Desinfektionsmittel für Hände, Flächen und Textilien: Collonil Bleu, die neue Hygiene-Linie. Als die Ethanol-Vorräte versiegten und nicht nachzubestellen waren, half die Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH auf kurzem Dienstweg und vermittelte einen anderen Lieferanten. Zum Wiederanlaufen der Wirtschaft brachte Collonil im Mai sogenannte Restart-Pakete in den Handel – und erschloss auch neue Märkte wie Schulen, Hochschulen, Jobcenter, Sportvereine und Unternehmen im Bereich Personenverkehr.

 

Klare Ansagen und Wertsschätzung führen zum Ziel

Zu einer digitalen Gemeinschaftsveranstaltung hatten die beiden Regionalgruppen Weser/Ems und Niedersachen am 22. März eingeladen. Die Regionalgruppensprecher Prof. Frank Giesa und Lutz-Peter Lau begrüßten rund 25 Teilnehmer, die gemeinsam einen Blick auf das „new Normal“ in Zeiten der Pandemie werfen wollten. Gastgeber bei diesem Unterfangen waren das Distributionscenter ContiTech Antriebssysteme GmbH in Langenhagen sowie die Versandwerk Bremen GmbH. Bei ContiTech wurden die Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz gemäß dem konzernweiten Regelwerk der Continental AG umgesetzt. Flächen wurden gesperrt oder voneinander abgegrenzt, nicht zu benutzende Plätze an Besprechungstischen oder in Pausenräumen markiert.  Risk Area-Koordinatoren führen regelmäßig Audits durch und überprüfen die Einhaltung von Abständen und Laufwegen, die Benutzung der Desinfektionsmittel und Tragen der Masken. Lutz-Peter Lau und seine Kollegin Carmen Isensee berichteten, dass all dies einschließlich der Bildung von A- und B-Teams einen hohen administrativen Aufwand bedeutet. Die Mitarbeiter zögen jedoch gut mit – und brächten eigene Ideen zum Umgang miteinander und mit den Kunden ein.

Vom Großkonzern ging es dann zum mittelständischen Unternehmen Bremer Versandwerk. Geschäftsführer Frank Haberkorn berichtete von einer sehr persönlichen Herangehensweise bei der Führung der 50 Mitarbeiter. Die Führungskräfte seien in viele individuelle Gespräche gegangen und hätten so vermittelt, was unter Corona-Bedingungen zu beachten ist. Da das Tragen von Masken während der gesamten Arbeitszeit schwierig sei, sei – wo möglich - Jobrotation eingeführt worden und es gebe ausdrücklich maskenfreie Zeiten. Das Unternehmen habe mit den Mitarbeitern auch über deren private Kontaktgewohnheiten und Reisepläne gesprochen und sie auf ein Verhalten eingeschworen, das Risiken soweit wie möglich vermeidet. Der überwiegende Teil der Belegschaft habe diese Herangehensweise als wertschätzend empfunden und akzeptiert.

Erfolgreiche Frauen machen Mut

Rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten die Regionalgruppen Westfalen und Niedersachsen bei ihrer zweiten gemeinsamen Veranstaltung aus der Reihe „Ladies in Logistics“ am 22. Februar begrüßen. Nach einer erfolgreichen Premiere im Dezember des vergangenen Jahres hatten die Organisatoren kurzfristig eine zweite Veranstaltung im gleichen Format in Kooperation mit dem SCM-Lab der Hochschule Hannover organisiert: Drei erfolgreiche Frauen in Führungspositionen präsentierten ihre Werdegänge und stellten sich klar, offen und authentisch den Fragen des Publikums. Carmen Isensee, Head of Warehouse and Transportation, Automotive Replacement EMEA, ContiTech Antriebssysteme GmbH und Angelika Thiel, Director Logistics, MTU Maintenance Hannover GmbH sowie Johanna Birkhan, Geschäftsführerin VTL Vernetzte-Transport-Logistik GmbH vermittelten insbesondere den jungen Teilnehmerinnen durch den Einblick in die eigenen Wege viel Mut. Auch wenn ihre persönlichen Geschichten nicht unterschiedlicher hätten sein können, eines haben die Referentinnen gemeinsam: die richtige Einstellung zu sich selbst, ihren Fähigkeiten und ihren Zielen. Aufgeben ist für keine von ihnen je eine Option gewesen. Die Kombination aus der richtigen Einstellung, persönlichen Skills und Fachkompetenz hat am Ende überzeugt.

Drei Fragen an Nele Traichel, Sprecherin der Initiative Logistics4future

BVL: Unter dem Titel "Alarmstufe Grün: Wie dringlich ist der Transformationsprozess zur nachhaltigen Logistik?" lud das Netzwerk Logistics4future im März zu seiner ersten L4F-Lounge ein. Wie waren die Rückmeldungen zu diesem Format?

Traichel: Die Lounge ist ein Diskussionsformat mit Gästen aus Wirtschaft und Wissenschaft sowie Beiträgen von Logistics4Future (L4F) selbst. Da die Referenten und Referentinnen aus unterschiedlichsten Bereichen kommen – in diesem Fall ein Universitätsprofessor (Prof. Hartmut Zadek), die Gründerin eines Startups (Katharina Zipse), die Nachhaltigkeitsmanagerin eines Kontraktlogistikers (Fátima Bittel) und der Geschäftsführer eines Binnenhafens (Volker Klassen) – entstand hier ein angeregter Austausch. Das ist sowohl bei den Gästen als auch bei den Teilnehmenden gut angekommen. Wir freuen uns über das positive Feedback, denn diese 1. L4F-Lounge ist als Auftakt für eine ganze Veranstaltungsreihe zu verstehen. Wir sind gespannt auf die weiteren Diskussionen über Themen, wie den CO2-Fußabdruck oder die soziale Nachhaltigkeit. Hierfür bietet uns unter anderem das BVL-Netzwerk Zugang zu spannenden Gästen.

BVL: Worum ging es inhaltlich dabei?

Traichel: Zur Eröffnung der geplanten Reihe wollten wir ganz aus der Perspektive der Praxis wissen: Wie dringend ist der Transformationsprozess? Der Impulsvortrag klärte dazu die Faktenlage: Es klafft eine Lücke zwischen dem prognostizierten CO2-Ausstoß bei unveränderter Verhaltensweise und der erforderlichen Reduzierung zur Erreichung des international vereinbarten 1,5°C -Ziels. In der Diskussion wurde deutlich, dass die Anstrengungen zur Effizienzsteigerung und zur Emissionsreduktion derzeit durch das Wirtschaftswachstum überkompensiert werden und somit ein Plus an Emissionen besteht. Um die Transformation weiter voranzutreiben, darin war sich die Runde einig, müssen neue Wege gegangen werden – seien es öko-effiziente Lösungen, wie das Shared Warehousing, intermodaler Verkehr über die Binnenschifffahrt oder die Bündelung von KEP-Lieferungen.

BVL: Sie sind studentische Sprecherin der Regionalgruppe Sachsen-Anhalt und seit letztem Jahr auch noch Sprecherin der L4F-Initiative. Was hat Sie zu diesem Engagement bewogen?

Traichel: Dass ich heute Sprecherin des L4F-Netzwerks bin, ist das Ende einer langen Ereigniskette. Ohne die aktive Unterstützung der BVL und den Eifer von motivierten Studierenden und Young Professionals, gäbe es Logistics4Future überhaupt nicht. Grundsätzlich denke ich, unser aller Engagement basiert auf dem Willen, die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen und die Bereiche, in denen uns das möglich ist, bewusst mitzugestalten. Dadurch, dass wir in einem Netzwerk agieren, können wir uns gegenseitig helfen. Das bestärkt ungemein darin, weiterhin den Status Quo zu hinterfragen, eigene Ideen einzubringen, Kooperationen anzustoßen, Veranstaltungen zu realisieren, Wissen zu teilen – kurzum: sich für die gemeinsame Sache, die Logistikwelt nachhaltiger zu gestalten, einzusetzen.