„Ich bin ein echter Logistikfan geworden“

 

Interview mit Oliver Zipse, Produktionsvorstand BMW

Am Dienstag 14. Februar 2017, dem ersten Veranstaltungstag des Forums Automobillogistik in Bremen, stand im Plenum ab 11:30 Uhr das Thema "Big Data" und ihr Nutzen für die Automobilindustrie im Mittelpunkt. Dabei war auch die BMW Group vertreten: Dr. Wolfgang Rudorfer, Projektleiter Connected Supply Chain, sprach in Bremen über Transparenz in der Lieferkette. Dieses Hintergrund-Interview mit Produktionsvorstand Oliver Zipse zeichnet ein Bild des Status Quo der Loigstik ingesamt bei BMW.


Herr Zipse, was sind aus Ihrer Sicht derzeit die größten Herausforderungen in der Produktion eines globalen Automobilherstellers wie BMW?

Entscheidend ist, dass wir das passende gesamthaft ausgerichtete Produktionssystem haben, um das Wachstum zu realisieren. Dazu zählen gesteigerte Flexibilität und Agilität, eine hohe Reaktionsfähigkeit sowie der Einsatz der bestmöglichen Technologien. Wir brauchen effiziente, robuste Prozesse und die richtigen Produkte in den richtigen Segmenten. Und wir müssen innovationsfähig bleiben. Kurz: Wir wollen das aus Kundensicht beste Produktionssystem der Welt gestalten und gleichzeitig die Produktivität erhöhen.

Welche Rolle spielt dabei die Logistik?

Hier hat in den vergangenen Jahren ein echtes Umdenken stattgefunden. Früher war die Logistik eher ein Dienstleister für die Fertigung, inzwischen aber ist sie zum zentralen Bestandteil unseres Produktionssystems geworden. Wenn man bedenkt, dass immerhin rund 70 Prozent der Wertschöpfung in unseren Fahrzeugprojekten nicht bei uns selbst entstehen, sondern bei unseren Partnern und Lieferanten, ist die Automobilproduktion zuallererst eine logistische Meisterleistung. Dabei werden in Deutschland bereits 80 Prozent unserer Fahrzeuge „build to order“ gefertigt, also individuell auf Kundenwunsch. Diese Flexibilität am Montageband, wo zum Teil ganz unterschiedlich ausgestattete Fahrzeuge direkt nacheinander gebaut werden, muss auch die Lieferkette abbilden können. Und daran arbeiten wir permanent. Ich muss sagen, ich bin zu einem echten Logistikfan geworden.

Welchen ganz konkreten Mehrwert kann die Logistik für die Produktionsprozesse bei BMW bieten?

Eine in hohem Maß automatisierte Logistik mit transparenten Abläufen bei allen Beteiligten ist die Grundvoraussetzung für ein zukunftsfähiges und agiles Produktionssystem. Denn nur mit einer zuverlässigen Logistik kann die Produktion ihre Rolle als Systemintegrator in der Automobilindustrie überhaupt weiterhin wahrnehmen. Diese Systemintegration ist für uns markenprägend und damit ein wichtiges Differenzierungsmerkmal. Die Logistik hat die einzigartige Funktion, ausgerichtet am Kundennutzen Lieferanten, Werke und Märkte miteinander zu verbinden. Am Ende muss das Gesamtkonstrukt für den Kunden passen, das Zusammenspiel der einzelnen Technologien im und ums Fahrzeug. Und diese Kompetenz ist nicht so leicht kopierbar. Die Logistik übernimmt dabei die Verantwortung für unsere Flexibilität. Denn erst die Logistik sorgt dafür, dass 16.000 Einzelteile so punktgenau, passgenau und hochwertig ans Montageband gebracht werden, dass BMW pro Tag 9.000 Fahrzeuge bauen kann. Wir haben 1.800 Lieferanten mit 4.500 Standorten. Und das Transportvolumen beträgt 84 Millionen Kubikmeter pro Jahr – das entspricht rund 7.000 Seefrachtcontainern pro Tag.

Was kann die Produktion von der Logistik, was die Logistik von der Produktion lernen?

Zunächst einmal ist die Logistik ein wichtiger Bestandteil unseres Produktionssystems und nicht etwas Unabhängiges. Den Ansatz „Lessons learned“ übt unser Produktionsnetzwerk praktisch täglich und fordert ihn auch ein. Bei der BMW Group haben wir es uns aber nicht zum primären Ziel gemacht, Wissen von Produktion an Logistik und umgekehrt weiterzugeben. Unser Ansatz geht im Grunde genommen darüber hinaus: Produktion und Logistik arbeiten gemeinsam an aktuellen und zukünftigen Herausforderungen. Um dies zu erreichen, analysieren wir für die unterschiedlichen Standorte im Produktionsnetzwerk die ganzheitlichen Wertströme und optimieren sie kontinuierlich im Hinblick auf Kosteneffizienz und Verbesserung der Umweltbilanz. Das funktioniert nur im engen Zusammenspiel dieser beiden Bereiche.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ein gutes Beispiel ist der derzeitige Planungsprozess für unser neues Werk in Mexiko. Dafür entwickeln wir aktuelle Methoden, Standards und Prozesse aus dem Produktionsnetzwerk weiter, paaren sie mit Innovationen und bereiten sie für ein neues Werks- und Produktionslayout vor.

Das beherrschende Thema des Deutschen Logistik-Kongresses 2016 war die Digitalisierung. Welche Rolle spielt dieses Thema aus Ihrer Sicht?

Im Themenkomplex Digitalisierung/Industrie 4.0 sehen wir gerade in der Logistik ein großes Innovationspotenzial. Und das nicht nur bei der Inbound- und Outbound-Logistik an unseren Standorten, sondern auch bei der Logistik in den Werken – dort, wo Bauteile und Komponenten zum Montageband gebracht werden. Dieser Bereich wird sich aus unserer Sicht am deutlichsten verändern.
Digitalisierung ist allerdings nur dann sinnvoll, wenn sie einen Nutzen erzeugt. Wir streben nicht danach, alles zu digitalisieren, was digitalisiert werden kann. Natürlich haben auch wir den Anspruch, Dinge weiter zu vernetzen – aber Sie müssen immer nach dem Nutzen fragen. Strategisch, systemisch oder vor Ort. Überall da, wo ein Datenkonstrukt echte Information erzeugt, werden die Potenziale der Digitalisierung derzeit eher noch unter- als überschätzt. Überall da, wo Industrie 4.0 an einem physischen Objekt endet – Robotics, Additive Manufacturing, autonom fahrende Systeme – gibt es enorme Potenziale, die in ihrer Wirkung aber eher überschätzt werden. Sehr schnell stößt man dort an physische oder regulatorische Grenzen.

Werden Roboter die Menschen in der Automobilproduktion langfristig ersetzen?

Eine komplett menschenleere Automobilproduktion wird es aus meiner Sicht nie geben. Vor allem am Montageband ist der Mensch aufgrund seiner Flexibilität nicht zu ersetzen. Aber es gibt heute schon andere Bereiche, in denen eher wenige Menschen tätig sind – denken Sie nur an den Karosseriebau. Tendenziell aber werden Roboter die Menschen eher unterstützen, und sobald es an das Thema Flexibilität geht, bleibt der Mensch unschlagbar. Die Arbeitswelt wird durch den Einsatz von Robotern weiter modernisiert. Und dass der Umfang körperlich anstrengender Tätigkeiten sinkt, ist auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ein Gewinn. Diese Entwicklungen verändern langfristig auch die Rolle des Menschen in der Produktion. Er ist in Zukunft noch viel mehr als heute Gestalter und Befähiger von Prozessen.

Gibt es im Bereich der Produktionslogistik bereits Ansätze von Industrie 4.0, also der Selbststeuerung von Maschinen oder Anlagen über das Internet?

Ja, wir entwickeln derzeit beispielsweise autonom fahrende sogenannte „Smart Transport Robots“, die zunächst in unserem Werk in Wackersdorf zum Einsatz kommen. In der Halle der Versorgungslogistik fährt der STR unter einen Rollcontainer mit Autoteilen, hebt den Container geräuschlos und setzt sich selbstständig in Bewegung durch die Logistikhalle. Geplant ist, dieses Konzept, das von Instandhaltungsmeistern geleitet wird, auch auf andere Produktionswerke auszuweiten. Das ist für uns ein ganz wesentlicher Meilenstein für die Digitalisierung und Autonomisierung in der Produktionslogistik. Denn hier kommt Logistik mit unserer eigenen Fertigungskompetenz im Bereich Fahrzeugbau zusammen. Und auch die gelbe Linie, die bisher die Produktion von der Logistik getrennt hat, wird künftig eine neue Bedeutung erhalten.

Welchen Nutzen sollte die Logistik in fünf Jahren für die BMW-Produktion haben?

Die Logistik muss das Wachstum der BMW Group bezüglich Flexibilität, Liefertreue und Komplexität bewältigen können. Dabei ist es für mich überhaupt kein Widerspruch, Komplexität zu steigern und trotzdem Kosten zu senken. Das ist eher eine Frage der Intelligenz im Gesamtsystem. Diese müssen wir in den kommenden Jahren weiter erhöhen. Dabei gilt auch hier: Wir realisieren in der Logistik nur die Themen, die wirklich sinnvoll sind und das Logistik- und Produktionssystem weiterentwickeln.

Inwieweit nutzt BMW Big Data für automatische Datenanalysen für die Supply Chain?

Big Data spielt für die Lieferkette eine wichtige Rolle. Bei rund 30 Millionen Teilen und rund 9.000 gefertigten Fahrzeugen pro Tag ist es wichtig, die Versorgung aller Teile über alle Versorgungsarten sicherzustellen – JIT/JIS, Lagerteile und überseeversorgte Teile. In Zukunft wollen wir von jedem Teil wissen, wo es gerade ist. Darüber hinaus soll eine zentrale Auftragssteuerung jedes Objekt beginnend vom Fahrzeug zurück in die Supply Chain verfolgen können – und das unter Zuhilfenahme sämtlicher Bestands- sowie Flexibilitätsgrößen. Im Prinzip ist das nichts anderes als die alte Logik einer Kanban-Karte. Nur stehen jetzt sehr viel mehr Daten zur Verfügung, deren intelligente Auswertung die Qualität entlang des Gesamtprozesses deutlich erhöhen kann.

Welche Kriterien spielen bei der Auswahl Ihrer Logistikpartner die wichtigste Rolle?

Unsere Logistikpartner müssen BMW verstehen. Sie müssen verstehen, wie wir ticken, wie wir produzieren, wie wir unsere Supply Chain leben. Dazu brauchen wir eine Offenheit beim Thema Datentransparenz und Datenaustausch – aber immer mit der Vorgabe, dass die internen Produktionsdaten BMW gehören, im Sinne eines Intranet of Things. Unser oberstes Ziel ist eine erhöhte Versorgungssicherheit, Effizienz und gemeinsame Wertschöpfung der Daten bei allen beteiligten Partnern. Für die Auswahl neuer Logistikpartner sind neben den klassischen Kriterien wie Liefertreue und Qualität vor allem Innovationsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Flexibilität wichtiger geworden. Denn wir setzen auf die Zusammenarbeit mit unseren Partnern, um eine transparente Supply Chain zuverlässig betreiben zu können.

 

Plenum "Big Data: Wie kann man aus Informationen/Daten Wissen machen?"
Dienstag, 14. Februar 2017 ab 11:30 Uhr mit Dr. Wolfgang Rudorfer (BMW)

 

 

Hinweis: dieses Interview ist auch im BVL Magazin Eins 2017 erschienen. Foto Oliver Zipse © BMW Group

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