1 Oct 14

Warum Lieferketten komplexer werden – und das kein Problem sein muss

Die Komplexität nimmt stetig zu – und unsere Wirtschaft und natürlich auch die Logistik sind dadurch zunehmend bedroht. Solche Kassandrarufe sind eigentlich nichts Neues. Was nicht heißt, dass sie jeder Grundlage entbehren, teilweise täuscht der Eindruck aber auch. Letztendlich schaffen wir es aber doch irgendwie mit weiterentwickelten Methoden und Werkzeugen den jeweils aktuellen Komplexitätsgrad nicht über eine Katastrophen-Schwelle schwappen zu lassen. Doch was ist das überhaupt – Komplexität? Das Wort wird mittlerweile sehr selbstverständlich verwendet, dabei ist die Definition gar nicht so trivial. Häufig wird z.B. Komplexität mit Kompliziertheit verwechselt. Warum die Supply Chain komplex und nicht kompliziert ist, erkläre ich gerne an zwei Beispielen:

Kompliziert oder komplex?

Wenn Sie einen neuen Schrank kaufen und die Ambition haben, diesen selbst zusammenzubauen, dann kann diese Aufgabe je nach Umfang der Anleitung, ihrer Erfahrung mit dieser Aufgabe und ihrem handwerklichen Geschick mehr oder weniger kompliziert sein. Sie können sich auf jeden Fall sicher sein, dass sie den Schrank innerhalb eines endlichen Zeitraums in ihrem Schlafzimmer aufstellen. Eines ist diese Aufgabe nicht, nämlich komplex, denn die Anleitung führt sie ziemlich vorhersagbar Schritt für Schritt (also linear) bis zur Errichtung des fertigen Schranks.

Eine komplexe Aufgabe ist hingegen hochdynamisch, bestehend aus einer variablen Zahl von Elementen mit unvorhersehbaren Wechselwirkungen, die nicht linear, sondern simultan auftreten. Das Fußballspiel kann man als komplex bezeichnen: Niemand weiß beim Anstoß eines Fußballspiels, an welcher Stelle des Platzes sich der Ball nach zehn Sekunden befinden wird. Das Spiel lebt von den Wechselwirkungen der Elemente: Der Spieler, des Balls, des Rasens, des Wetters etc. In komplexen Systemen werden die einzelnen Elemente so angeordnet, dass sie einen übergreifenden Prozess realisieren, der allein in der ungeordneten Summe der Teile gar nicht möglich wäre. Mario Götze benötigt z.B. die Unterstützung der ganzen Mannschaft und (nicht nur) den richtigen Pass von André Schürrle, um den Ball im Finale der WM im Tor zu versenken.

Die Supply Chain ist ein komplexes System

Ähnlich verhält es sich mit der Supply Chain. Auch hier gibt es einzelne „Spieler“ wie die Beschaffung, die Produktion, die Distribution oder die Absatzplanung, die für sich allein nicht funktionieren. Dazu kommen noch äußere Faktoren wie der Markt bzw. die Kunden und die Lieferanten. Nur im richtigen Zusammenspiel dieser Elemente findet ein Produkt einen für das Unternehmen profitablen Weg zum Kunden. Das ist leichter gesagt als getan, denn die einzelnen Prozesse verfolgen zum Teil konträre Ziele.

Der Klassiker ist z.B., dass die Beschaffung möglichst wenig Bestand im Lager haben möchte, der Vertrieb aber gerne dem Kunden gegenüber eine hohe Verfügbarkeit garantiert. Übertragen auf den Fußball würde die Abwehr am eigenen 16-Meter-Raum stehen bleiben, während der Sturm am Strafraum des Gegners auf Anspiele wartet. Beides zusammen funktioniert aber nicht besonders gut (zumindest in der Supply Chain, die Zeit des englischen Kick-and-Rush ist aber auch lange vorbei).

Die Rahmenbedingungen haben sich geändert

Neben den teils widersprüchlichen Zielen innerhalb der internen Supply Chain erschweren äußere Faktoren, wie schwankende Nachfrage, veränderte Kundenerwartungen und steigender Kostendruck durch vermehrten globalisierten Wettbewerb die Planung zusätzlich.

Das Vordringen in neue Absatzmärkte im Zuge der Globalisierung hat nicht nur neue Käufergruppen erschlossen, sondern auch den Faktor regionale Variabilität beim Bedarf in das bereits komplexe System aufgenommen. In wichtigen Wachstumsstaaten wie Indien oder China beträgt die Abweichung zwischen erwarteter und tatsächlicher Nachfrage bei einzelnen Produktgruppen sogar 40 Prozent. Natürlich bedeuten neue Absatzmärkte ebenso neue Wettbewerber, die auch selbst in die eigenen Heimatmärkte drängen.

Reaktion_Globalisierung

Ein weiterer Komplexitätstreiber ist der Trend zum Online-Einkauf, der im Zusammenhang mit gestiegenen Kundenerwartungen steht. Online-Preisvergleiche führen zum Preiskampf, neue Liefermodelle zu logistischen Herausforderungen wie Same-Day-Delivery und Multi-Channel-Strategien.

Und obendrein gesellt sich dazu der stark individualisierte Kundenbedarf, der breite Sortimente mit vielen Varianten und immer neuen Modellen erfordert. Die Entwicklung des Produktlebenszyklus mit allen Konsequenzen für die Supply Chain (und die Komplexität) kann man z.B. mit den Veränderungen in der Automobilbranche ablesen. Lag der Produktlebenszyklus in den 70ern noch bei durchschnittlich 7 Jahren, waren es in den 90ern nur noch drei Jahre. Heute werden die Modelle im Durchschnitt oft schon nach zwei Jahren ausgetauscht.

Varianten_Lebenszyklus

Nimmt man diese Faktoren zusammen, ist es nur folgerichtig zu konstatieren: Ja, die Komplexität ist gestiegen.

Integrierte Planung bewältigt Komplexität

Wie können wir nun dieser Komplexität in der Supply Chain begegnen, um nicht in fünf Jahren in der Presse lesen zu müssen, dass die zunehmende Komplexität das Wirtschaftswachstum erstickt hat? Schon heute gibt es eine Vielzahl von Softwarewerkzeugen, die mithilfe von Prognosealgorithmen Lösungen zu den Teilproblemen der Supply Chain wie z.B. die Produktionsplanung bieten. Was diese Werkzeuge häufig nicht können, ist die verschiedenen Faktoren außerhalb des eigenen Planungsbereiches einzubeziehen. Die softwaretechnische Abbildung der Lieferkette gleicht daher heutzutage häufig einer Ansammlung von Silos, deren Informationen sich schlecht verknüpfen lassen. Indem man sich voll und ganz auf ein Teilproblem konzentriert, reduziert man zwar vermeintlich die Komplexität (was nicht immer eine gute Strategie ist) und erreicht mehr oder weniger gute Ergebnisse für das abgegrenzte Problem (z.B. die optimale Auslastung der Produktionsanlagen). Mit Blick auf die gesamte Supply Chain kann man auf diese Weise aber kein optimales Ergebnis erreichen.

Unternehmen benötigen daher eine Software, die wirklich alle Faktoren in die Planung einbezieht, die für einen jeweiligen Prozess innerhalb der Supply Chain relevant sind. Nur eine Integrierte Planung wird der komplexen Gesamtaufgabe, die sich den Supply Chain Managern in den Unternehmen stellt, gerecht. Eigentlich ist das keine Neuigkeit, nur der Leidensdruck ist jetzt groß genug. So sieht es auch die Fachwelt, denn die Integrierte Planung gehörte z.B. in der letztjährigen BVL-Studie „Trends and Strategies in Logistics and Supply Chain Management“ zu den Top3-Trends der kommenden Jahre.

Komplexität kann ein Problem für die Logistik werden, muss es aber nicht. Wenn Unternehmen frühzeitig ganzheitlich planen, wird die Komplexität letztendlich als das anerkannt, was sie ist – ein prägendes Merkmal einer modernen Supply Chain.

Was denken Sie? Welche Faktoren sind Ihrer Meinung nach für die zunehmende Komplexität verantwortlich? Haben Sie eigene Strategien zur Bewältigung entwickelt? Ich freue mich auf Ihre Kommentare!      

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