24 Jun 15

Vernetzte Automatisierung – in der Industrie wirklich schon angekommen?

Die zunehmende Automatisierung bewegt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Gemüter der Menschen. „Werden uns Roboter schon bald ganz ersetzen?“, fragen sich Kritiker und besorgte Arbeitnehmer. Ich persönlich glaube nicht daran, denn für den Menschen bleiben auch (zumindest eine ganze Weile) weiterhin Aufgaben bestehen, die eine Maschine allein nicht lösen kann. Doch was genau geschieht aktuell in der Industrie? Wie behandeln Fachleute das Thema? Wie sehen konkrete Automatisierungslösungen heute aus? Und welche Beispiele gibt es in der Logistik, bei denen intelligente Software eine entscheidende Rolle spielt?

Vernetzung und Digitalisierung, Automatisierung und Industrie 4.0: Das sind die Trends und Schlagworte unserer Zeit. Im März dieses Jahres fand in Chicago beispielsweise die Automate 2015 statt, die größte Fachmesse für automatisierte Technologien Nordamerikas. 61 Prozent mehr Besucher, insgesamt 18.115 Fachleute, und eine Vergrößerung der Messe um 76 Prozent auf 322 Aussteller im Vergleich zur letzten Veranstaltung vor zwei Jahren sprechen für sich. Auch auf unserer Seite des Atlantischen Ozeans lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten: Über 220.000 Fachbesucher aus über 70 Nationen reisten im April zur weltgrößten Industriemesse, der Hannover Messe 2015. Die Veranstalter hatten die Industrieautomation in diesem Jahr zu einem Schwerpunktthema gewählt. Zu Demonstrationszwecken kamen vor allem kollaborierende Roboter zum Einsatz, die in modernen Fabriken Seite an Seite mit menschlichem Personal zusammenarbeiten. Im Anschluss an die Messe nahm die folgende Botschaft ihren (medialen) Lauf: „Industrie 4.0 ist in der Gegenwart angekommen.“

Erwartungen an die Zukunft

Natürlich sind Messe-Vision und gelebte Realität etwas anderes. Deutsche Unternehmen investieren derzeit noch vergleichsweise zurückhaltend in die Industrie 4.0. Generell nehme ich aber die allgemeine Erwartungshaltung gegenüber Industrie 4.0 als recht optimistisch wahr. Letzten Monat verwies ich auf eine im Auftrag des BITKOM durchgeführte, repräsentative Studie. Für die sechs volkswirtschaftlich bedeutendsten Branchen errechneten die Studienautoren ein Gesamtwertschöpfungspotential von 23 Prozent durch Industrie 4.0 bis ins Jahr 2025. In einer etwas jüngeren, gemeinsamen Studie prognostizierten DHL und Cisco Systems im April 2015 ein milliardenschweres Wachstum speziell für die Logistik- und Supply-Chain-Wirtschaft durch das „Internet der Dinge“. Während heute noch ungefähr 15 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sind, soll sich diese Zahl in den nächsten fünf Jahren bereits auf 50 Milliarden erhöhen. Die zunehmende digitale Vernetzung ermöglicht eine Kommunikation von Maschine zu Maschine. So können die Geräte zum Beispiel untereinander koordinieren, welcher Arbeitsschritt in einer Prozesskette als nächstes ausgeführt werden muss und ob dafür alle Voraussetzungen erfüllt sind. Daraus ergeben sich neue Lieferoptionen, die Fähigkeit zu einem intelligenteren Lagermanagement oder verbesserte Möglichkeiten der Sendungsverfolgung. Ein weltweites Wirtschaftswachstum von bis zu 8 Billionen US-Dollar (1,9 Billionen allein in der Logistik) bis ins Jahr 2025 könnte laut der Studie die Folge sein.

Automatisierung im Bestandsmanagement durch Add-on-Systeme

Anstatt darüber zu spekulieren, ob die angedachten Wachstumsraten in Zukunft auch wirklich erreicht werden können, möchte ich meinen Blick auf gegenwärtige Automatisierungs-Prozesse in der Logistik, speziell im Lager- und Bestandsmanagement richten. Oftmals gilt es hochkomplexe Zusammenhänge innerhalb einer international verzweigten Supply Chain zu überblicken und auf auftretende Veränderungen flexibel zu reagieren. Dafür sind intelligente Softwarelösungen nötig, die in der Lage sind, die großen Mengen an benötigten Daten auszuwerten und in Echtzeit in Handlungsempfehlungen umzusetzen. Dafür habe ich zwei Beispiele aus der Praxis ausgewählt, mit denen ich die Umsetzung einer intelligenten Softwarelösung veranschaulichen kann.

Betriebliches Wachstum und die Verzahnung globaler Lieferketten bringen immer auch einen steigenden, logistischen Aufwand mit sich. So verhielt es sich beispielsweise bei dem Großhandelsunternehmen  Keller & Kalmbach, wo lange Lieferzeiten, eine Artikelmenge in Millionenhöhe und die schwankende Nachfrage der Kunden zur Entscheidung für eine Automatisierungs-Lösung führten. Im Zentrallager des Unternehmens fertigt man inzwischen über 100.000 Stellplätze auf 35.000 Paletten ab, disponiert etwa 18.000 Teile täglich (bei sechs Mitarbeitern) und bearbeitet ein Produkt-Portfolio, das sich jährlich um etwa 10 Prozent vergrößert. Dafür ist ein System notwendig, das die stetig wachsenden Warenströme in der exakt richtigen Reihenfolge verarbeiten und präzise Prognosen für die Bestandsplanung berechnen kann. Nur so lässt sich die große Menge an Daten überhaupt effizient auswerten. Auf Basis der Prognosen werden zum Beispiel mehr als die Hälfte der Artikel vollautomatisch bestellt. Durch die Automatisierungslösung lassen sich einerseits die Betriebskosten senken und mithilfe der Bedarfsprognosen die Kapitalbindung – aufgrund hoher Bestände – reduzieren.

Mein zweites Beispiel bezieht sich auf das Supply Chain Management in der Lebensmittelbranche. Nachhaltiges Bestandsmanagement stellt Unternehmen immer wieder vor neue Herausforderungen.  Es bleibt nicht dabei, dass die Logistik auf kurze Lieferzeiten in Richtung des Kunden sowie eine hohe Warenverfügbarkeit bei niedrigen Lagerbeständen achten muss. Zusätzlich spielen branchenspezifische Faktoren wie eine saisonale Nachfrage oder die Verderblichkeit vieler Lebensmittel eine entscheidende Rolle. Spezielle Optimierungstechnologie liefert hierbei wertvolle Entscheidungshilfen bei der Produktions- und Absatzplanung, indem sie auch solche Daten wie die Mindesthaltbarkeit eines Produkts mitberücksichtigt. Noch bevor ein Kunden- oder Planauftrag angenommen wird (und auch während der Durchführung) überprüft das System fortlaufend, ob die aktuelle Plansituation eine Umsetzung auch zulässt. Ist die Verfügbarkeit von Zukaufteilen oder Komponenten beispielsweise nicht gewährleistet, wird das System den am Prozess beteiligten Logistikmitarbeiter auf das Problem hinweisen und alternative Lösungsvorschläge anbieten.

Fazit

Die Chancen für die Automatisierung von wichtigen Prozessen in der Logistik stehen gut. Tatsächlich gibt es bereits eine Reihe sehr erfolgreicher Unternehmen, die auf Lösungen mittels intelligenter Komponenten bauen und wichtige Abläufe entlang der Supply Chain längst automatisiert haben. Die Systeme, an die ich dabei in erster Linie denke, erleichtern den verantwortlichen Menschen vor allem die Entscheidungsfindung im zunehmenden Daten-Dschungel und entlasten sie von zeit- und kostenintensiven Routineaufgaben. „Mensch und Computer, Hand in Hand“ gehört die Zukunft, davon bin ich überzeugt. Gerade in der Logistik, wo komplexe Datenströme die Steuerung der Supply Chain möglich machen, dürfen wir uns sicher in den nächsten Jahren auf einige innovative Neuerungen freuen.

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